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Roman Volker Kutscher schreibt seinen Krimizyklus weiter, der die Vorlage zur TV-Serie „Babylon Berlin“ geliefert hat / „Marlowe“ heißt das neue Buch

Gereon Rath streitet mit Vergangenheit

Archivartikel

Berlin im Sommer 1935. Gereon Rath ist seit sechs Jahren bei der Berliner Kriminalpolizei und inzwischen zum Oberkommissar befördert worden. Aber viel zu feiern hat der eigenwillige Ermittler nicht. War er am Beginn von Volker Kutschers Romanserie, der als „Babylon Berlin“ im Fernsehen läuft, noch mit spannenden Fällen betraut, so hat nun Routine eingesetzt.

So erwartet er auch nicht viel, als er eines nachmittags zu einem seltsamen Autounfall geschickt wird. Ein Taxi ist ohne ersichtlichen Grund in einer Kurve geradeaus und mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Mauer gefahren. Der Taxifahrer und sein Fahrgast waren sofort tot. Eigentlich kein Fall für die Kripo. Aber wieder einmal bringt Raths Neugier dramatische Ereignisse ins Rollen.

Rath findet die Aktentasche des toten Fahrgasts. In ihr stecken Dokumente mit der Aufschrift „Geheime Reichssache“. Sofort weiß er, dass er sie nie hätte sehen dürfen, aber nun ist es zu spät. Der Tote war offenbar Mitarbeiter des Nazi-Geheimdienstes, und die gefundenen Unterlagen legen nahe, dass der Geheimdienst dabei war, Hermann Göring zu erpressen, den zweitmächtigsten Mann im Nazi-Staat.

Niemand darf davon wissen, und erst recht nicht, dass Rath davon weiß. Also lässt er die Unterlagen verschwinden und löst scheinbar unbeteiligt den Fall des toten Taxifahrers. Aber als er davon seiner Frau Charlotte erzählt, die mittlerweile als Privatdetektivin für Raths früheren Kollegen Böhm arbeitet, wird Böhm auf einmal hektisch. Er sieht Verbindungen zwischen diesem Fall und einem alten Fall.

Das Pikante an der Geschichte ist, dass die Parallelen zu einer Hausexplosion führen, bei der acht Jahre zuvor Charlottes Vater unter merkwürdigen Umständen getötet wurde. Diese Geschichte hat Kutscher im vergangenen Jahr im Kurzroman „Moabit“ erzählt. Raths Frau ist nie über den Tod ihres Vaters hinweggekommen und ermittelt nun auf eigene Faust. Auch Rath, der die Kripo und seinen legendären Chef Ernst Gennat verlässt, um im Landeskriminalamt neue Herausforderungen zu suchen, arbeitet insgeheim weiter an dem Fall, der als abgeschlossen gilt. Dabei gerät er wiederholt in Konflikt mit den Autoritäten des Nazi-Staates. Kutscher nutzt die Gelegenheiten, um das gesellschaftliche Klima im Deutschland des Jahres 1935 eindringlich darzustellen. Der Antisemitismus zeigt sich im Alltagsleben immer wieder. Kutscher kann die Verkündung der berüchtigten Nürnberger Rassegesetze sogar in die Romanhandlung einbauen.

Förderer des Kommissars

Bei ihren getrennten Recherchen, von denen der andere nichts erfahren soll, stoßen Rath wie auch Charlotte immer wieder auf einen Mann, der Raths Berliner Karriere von Anfang an begleitet hat – den Gangsterboss Johann Marlow. Dieser hat über die Jahre Rath gefördert, ihn aber auch für seine Zwecke benutzt. Einmal mehr taucht er nun als böser Strippenzieher im Hintergrund auf. Auch dort, wo niemand es vermutet, scheint er Menschen wie Marionetten zu kontrollieren. Auch wenn er in gar nicht sehr vielen Szenen direkt auftaucht, so ist Johann Marlow doch die Figur, um die sich der Kern des Romans dreht, der nach ihm benannt ist. Zumal der Roman auch noch „Eine andere Geschichte“ erzählt. Mit diesem Titel überschreibt Kutscher mehrere kurze Kapitel, die Episoden aus Marlows Werdegang zeigen und einiges über ihn und seinen stets präsenten chinesischen Chauffeur erklären.

„Marlow“ greift einige Punkte auf, die aus den früheren Romanen der Rath-Serie hergeleitet sind, und zeigt, wie die etablierte Nazi-Herrschaft das alltägliche Leben der Menschen und auch die Arbeit der Polizei beeinflussten. Dies macht „Marlow“ nicht nur zu einem spannenden historischen Krimi, sondern auch zu einem packenden Politthriller. Es dürfte nicht der letzte Rath-Roman bleiben. Volker Kutscher selbst sagte kürzlich auf der Frankfurter Buchmesse, er habe „fest vor, zumindest bis ins Jahr ’38 hinein zu schreiben.“ In „Marlow“ hat er genügend Elemente eingebaut, die weitere spannende und ungewöhnliche Erlebnisse für Gereon Rath erwarten lassen.