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Sachbuch Der Reiseführer „Berlin Stadt der Revolte“ erinnert an Orte, die während der Studentenproteste 1967/68 geschichtliche Bedeutung erlangten

Historische Schauplätze einer Rebellion

Archivartikel

Wo war die Kommune 1, wo entstand der erste Kinderladen, was passierte mit Andreas Baader in der Miquelstraße 83? Im 50. Jahr nach der Studentenrevolte rücken die Berliner Orte der Protestbewegung in das öffentliche Bewusstsein. Was wann wo in den bewegten Monaten von 1967/68 passierte, wieso etwa Rudi Dutschke zum Sieg der vietnamesischen Revolution im Audimax der TU aufrief und wo RAF-Mitbegründerin Ulrike Meinhof ihre letzte legale Wohnung hatte, dürfte nicht nur Nostalgiker interessieren.

Die „Spiegel“-Reporter Michael Sontheimer und Peter Wensierski haben sich auf Spurensuche begeben. Mit „Berlin Stadt der Revolte“ legen sie jetzt einen historischen Reiseführer vor, der die Topographie jener wild bewegten Zeit nachzeichnet, aber auch die Lokalitäten des DDR-Protests im Osten der Stadt beschreibt.

„Revolten kennen im Allgemeinen nur das Scheitern, sonst wären sie Revolutionen“, zitieren die Autoren anfangs den Italiener Johannes Agnoli. Der Professor gehörte einst dem als linke Hochburg berühmten Otto-Suhr-Institut der Freien Universität an. Die These lässt sich in Berlin gut nachvollziehen.

Die Stadt schmücken Dutzende Kulissen früherer Aufstände. Sontheimer, ein Mitgründer der links-alternativen Tageszeitung „taz“, und Wensierski, einst Korrespondent in der DDR, entdecken bei ihren Streifzügen ein „Gen der Revolte“. 1848 kämpften in Berlin Demokraten für die Freiheit, 1919 die Proletarier für die Rätedemokratie und 1953 Ost-Berliner Arbeiter gegen den Akkord. Kein Ort in Deutschland eignet sich wohl besser, um den Ungehorsam zu proben.

Widerstand auch im Osten

Die Schauplätze der Randale, Demos und Lebensexperimente breiten sich über die ganze Stadt aus. Fast 60 Orte zeigt das Buch mit kleinen roten Fähnchen auf einer Karte. Sie reichen vom Auditorium Maximum der FU in der Garystraße in Dahlem bis nach Pankow. Dort, in der Elsa-Brandström-Straße 18, verfasste die Liedermacherin Bettina Wegner ihre Flugblätter gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in der Tschechoslowakei.

Auch im Osten gab es Kommunen und einen Piratensender, wie Sontheimer und Wensierski rekonstruieren. Sie berichten von Treffen der Rebellen aus Ost und West. Wobei die Aufständischen im Osten wohl als die erfolgreichsten in die Geschichte eingehen dürften: Mit der friedlichen Revolution zwangen sie den DDR-Staat in die Knie.

Mehrere Adressen sind auch Orte von Pioniertaten. In der Suarezstraße 41 residierte die erste Redaktion der „taz“, in der Bülowstraße 17 der erste Schwulenbuchladen, in der Neuköllner Kopfstraße 12 der erste Kinderladen.

Ein deutsch-spanischer Kindergarten ist heute in der Charlottenburger Wielandstraße 13 untergebracht. Im Herbst 1968 zogen hier „Bommi“ Baumann, Eckhard Siepmann und Georg von Rauch ein, der Anwalt Otto Schily war ein Nachbar. Die „Wielandkommune“ wurde eine der ersten Wohngemeinschaften, später formierte sich daraus der „Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen“, eine der ersten militanten Gruppen der West-Berliner Subkultur.

Ein Ort der Geschichte ist auch eine Wohnung in der Knesebeckstraße 89 in Charlottenburg. Hier residierte Ingrid Schubert. Sie hatte wenige Monate vorher bei der Befreiung des inhaftierten Andreas Baader in der Miquelstraße mitgemacht. Bei einer Hausdurchsuchung fand die Polizei eine Pistole, Autonummern und Molotowcocktails. Die Wohnung gilt als Keimzelle der Roten-Armee-Fraktion (RAF). Heute sind an dieser Adresse eine Cocktailbar und eine Naturheilpraxis untergebracht.