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Kriminalroman Stephen Kings „Outsider“ schildert nicht nur die Macht des Bösen in der Gesellschaft – es zeichnet auch ein aktuelles Bild der US-Gesellschaft

Horror in Zeiten von Donald Trump

Wenn Stephen King eine der unsympathischsten Figuren seines neuen Romans „Der Outsider“ als „wahrscheinlich ein Wähler Donald Trumps“ charakterisiert, ist jedem klar, wo sich der 70-jährige Erfolgsautor politisch einordnet. Sofern man das nicht vorher schon wusste. In seinem ersten Roman unter dem derzeitigen US-Präsidenten hat King eine Horrorgeschichte im von ihm favorisierten Kleinstadtmilieu geschrieben, aber dabei die Gegenwartsgesellschaft im Ganzen im Auge behalten.

Egoismus, die Furcht vor eigener Not, die geradezu obsessive Bereitwilligkeit, einen unter Verdacht stehenden Mitbürger abzuurteilen (auch um von eigenen Problemen abzulenken), sind symptomatisch für die Kleinstadt Flint City im Bundesstaat Oklahoma. Das Böse – so der Tenor im „Outsider“ – kommt von innen, Unerklärliches jedoch von außen.

Stephen King wäre nicht Stephen King, wenn er nicht eine Lösung anböte, die übernatürlichen Ursprungs ist, also von außen kommt. Doch bevor der „Outsider“ überhaupt Gestalt annimmt, beschäftigt ein Kapitalverbrechen die Menschen von Flint City: Ein Junge wurde auf grausame Weise sexuell missbraucht und ermordet. Ja, schlimmer noch, der Täter hat offenbar Teile seines Opfers gegessen. Ausgerechnet der allseits beliebte Coach des heimischen Baseballteams und geachtete Englisch-Lehrer Terry Maitland soll es gewesen sein.

Verdacht trotz Alibis

Etliche Zeugen sahen ihn zur Tatzeit und in der Nähe des Tatorts, Fingerabdrücke und DNA-Spuren scheinen den Verdacht zu bestätigen. Unter großem Aufsehen wird der Trainer während eines Spiels seiner Mannschaft in aller Öffentlichkeit festgenommen.

Der Fall scheint klar. Staatsanwalt und Polizei, allen voran Detective Ralph Anderson, sind von der Schuld Terrys überzeugt. Nur allzu bereitwillig folgen die meisten Bürger deren Argumenten, obwohl Terry ein hieb- und stichfestes Alibi vorweisen und sogar belegen kann, dass er zum fraglichen Zeitpunkt in einer anderen Stadt war.

Doch die Hetzjagd auf ihn hat begonnen. Und jeder weiß: Ist der Mob erst einmal entfesselt, ist die Katastrophe nicht fern. Wie Anderson schon bald feststellen muss, gibt es Zweifel an seiner Beweiskette, zumal sich – wie er erfährt – vor einigen Monaten andernorts ein ähnliches Verbrechen ereignet hat: Zwei kleine Mädchen wurden bestialisch gequält und ermordet. Und auch hier scheint der Täter an zwei Orten zugleich gewesen sein. Der Detective beugt sich eher widerstrebend dem Wunsch einiger Leute, die an Terrys Unschuld glauben, beginnt zu ermitteln und die bizarren Morde miteinander in Verbindung zu bringen.

Was ihn vor allem antreibt, sind Angst einflößende, meist in der Dunkelheit erfolgende Auftritte eines Wesens, das bereits mehrere Menschen heimgesucht hat, darunter auch seine Frau. Anscheinend ernährt es sich vom Schmerz, von der Wut und Angst seiner Auserkorenen.

Anderson ist versucht, die bösen Erscheinungen als Alpträume abzutun, doch ist er gezwungen, die Begegnungen mit einer nicht zu fassenden Gestalt ernst zu nehmen, auch wenn er sich nach wie vor weigert, an einen Outsider (ein Wesen von außerhalb) zu glauben. Er, der rational Denkende und Handelnde, ist zwischen die Fronten geraten: Er kämpft gegen seine Überzeugung, die von Vernunft geleitet wird, sowie gegen das Offensichtlich-Nicht-Fassbare, von dem anscheinend weitere Morde zu erwarten sind.

Der Showdown zerrt noch einmal an den Nerven und liefert gleichzeitig die Erkenntnis: Der Mensch ist dem Übernatürlichen nicht unbedingt hilflos ausgeliefert. Beunruhigend hingegen ist das Böse, was vom Menschen selbst ausgeht.