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Literatur Susanne Röckels Roman „Der Vogelgott“ wechselt virtuos zwischen Wirklichkeit und Traumwelt / Nominiert für den Deutschen Buchpreis

In den Zwängen des Schicksals

Archivartikel

Das Verhängnis kommt auf schwarzen Schwingen. Susanne Röckel raubt einem mit ihrem Roman „Der Vogelgott“ schier den Atem. Es geht um Menschenopfer und die Gewalt des Natürlichen. Und um das Schicksal, das – wie im antiken Mythos – unabänderlich das Sein bestimmt. Auch heute noch, trotz allen Fortschritts.

Dem Roman ist ein Manuskript des Vogelkundlers Konrad Weyde vorangestellt. Darin beschreibt er, wie er in einem namenlosen Ort einen von den Dorfbewohnern verehrten Greifvogel fängt, um ihn für seine Sammlung zu präparieren – trotz warnender Vorzeichen und eines Verbots.

Mächtige Sprachkraft

„Der unergründliche Blick seiner schwarzen, glänzenden Glasaugen würde jeden Betrachter das Fürchten lehren“, fantasiert Weyde über das später auszustopfende Tier, „und ich wäre der Schöpfer dieses beeindruckenden Werks!“.

Bereits in diesem ersten Bericht verschwimmt die Wirklichkeit. Röckel versetzt ihren Hobbyornithologen nach und nach in eine Art akademische Raserei, in der Rationalität und Traum ineinander übergehen. In dem Moment etwa, in dem Weyde vor seinem Jagdobjekt steht, heißt es: „Es war, als ob ich mich plötzlich mit seinen Augen sehen könnte.“ Spätestens ab dann hat die Luft einen fatalen Geruch.

Seit jeher lässt die Münchnerin ihre Texte im Vagen. Schon in ihrem hypnotischen Erzählband „Vergessene Museen“ von 2009 beleuchtet Röckel mit mächtiger Sprachkraft schwer fassbare Welten. Wissenschaft verliert sich im Taumel der Wildheit. Vor demselben Hintergrund ist „Der Vogelgott“ zu lesen. Der Roman gehört zu Recht zu den heißen Kandidaten für den Deutschen Buchpreis.

Nach dem Prolog teilt sich das Buch in drei Teile. Schnell wird klar: Die Erlebnisse des alten Weyde greifen auf seine Kinder über. Thedor geht, um seinem Leben einen Sinn zu geben, in ein Missions-Camp in Afrika. Im Land der Aza verfällt er einem mythischen Vogelkult, an dessen Ende Blutrausch und Irrenhaus warten. Tochter Dora, eine Kunsthistorikerin, will auf einem Gemälde in einer Kapelle Hinweise auf satanische Götzendienste entdeckt haben. Lorenz recherchiert als Journalist über die Macht alter Rituale – und gerät selbst in den Strudel.

Immer wieder kommt der Roman auf die antike Legende von Prometheus zu sprechen, der erst die Menschen schuf und ihnen später gegen den Willen der Götter das Feuer brachte. Zur Strafe für dieses Geschenk, das die alten Griechen als Beginn ihrer kulturellen Entwicklung betrachteten, wird der Titan an einen Felsen gekettet und gequält. Ein Adler, der in der Kunstgeschichte zuweilen auch als aasfressender Geier dargestellt wird, fügt Prometheus höllische Qualen zu, indem er an seinem Körper nagt. Schon im Altertum wird der Greifvogel in dieser Legende dadurch zum Gegensymbol der Zivilisation.

Die 65-jährige Autorin arbeitet sich also durch den Konflikt zwischen Archaischem und Fortschritt. Sie legt ihren Fokus auf Metamorphosen und vormoderne Märchen, auf den Zusammenhang von Prophezeiung und Bestimmung.

Szenen von bedrohlicher Kraft

Die Natur wird dabei zu einem zerstörenden Orakel. Einmal heißt es über eine Vogelschar: „Dort hockten sie mit vorgestreckten Köpfen und blitzenden Augen, mit hängenden, halb abgespreizten Flügeln, die starken Krallen mit den spitzen Nägeln um die Äste geklammert, stumm, lauernd.“ Mit ihren bedrohlichen Szenen erinnert Röckel wohl nicht unbeabsichtigt an „Die Vögel“ vom Filmmeister Alfred Hitchcock.

„Der Vogelgott“ ist eine literarisch und sprachlich höchst packende Suche nach dem Immerwährenden. „Kann es nicht sein“, wird einmal gefragt, „dass die Menschen damals der Wahrheit viel näher kamen, als unser heutiger Verstand zuzugeben bereit ist?“. Eine Antwort bleibt der Roman schuldig. Aber er zeigt, wie flüchtig in der Geschichte der Welt das Individuum ist.