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Kindischer Rachefeldzug

Archivartikel

„Deadpool 2“: Enttäuschender Nachfolgefilm von „John Wick“-Regisseur David Leitch

„Deadpool“ war 2016 ein sensationeller Erfolg, nicht nur weil er allein in den Kinos gut das 14-fache seiner Produktionskosten (rund 58 Millionen Dollar) eingespielt hat. Effektspezialist Tim Miller gelang gleich bei seinem Regie-Debüt das Meisterstück, den komplexen Antihelden aus dem „X-Men“-Seitenstrang des Marvel-Comic-Universums in all seinen Facetten einzufangen: liebenswert und abgründig, blutrünstig und umwerfend witzig. Schon der Vorspann nahm das komplette Filmgeschäft auf die Schippe, der Hauptdarsteller spielte so selbstironisch und virtuos durch die vierte Wand direkt mit dem Zuschauer, dass Ryan Reynolds seitdem nicht mehr als Kassengift gilt und sein Deadpool als lässigster Superheld überhaupt zur Weltmarke wurde. Die Story war bei so viel überraschender Kreativität eigentlich Nebensache, aber gut gemacht.

Beim zwangsläufig fälligen Nachfolger „Deadpool 2“ deckt man über das Drehbuch besser das Mäntelchen des Schweigens. Die Geschichte um einen trauernden und rachsüchtigen Action-Helden, der kinderfilmreif den Wert von Freundschaft und Familie schätzen lernt, ist schnell erzählt. Ansonsten gilt für Teil zwei: kommerziell ähnlich erfolgreich, doppelt so teuer, aber nicht mal annähernd halb so gut.

„John Wick“-Regisseur David Leitch beherrscht natürlich das Action-Einmaleins souverän und kann auch über sich selbst lachen lassen („Leitch, nicht Lynch!“). Aber die Balance aus Klamauk und Tiefe des Charakters, die Miller perfektioniert hatte, gerät unter ihm völlig aus den Fugen. Die Humoreinlagen des Vorgängers sollen offensichtlich um jeden Preis übertroffen werden. Da sind natürlich ein paar Treffer mit gutem Timing dabei, aber viele der zu vielen Gags wirken albern, aufgesetzt oder deplatziert. Dafür strotzt die Hauptgeschichte vor kindischem Kitsch. Mit dem Webfehler, dass die Zielgruppe für so etwas zu jung ist, um „Deadpool 2“ überhaupt sehen zu dürfen.

Darsteller mildern ab

Was mildert die enorme Enttäuschung? Nun, die Darsteller-Riege um Reynolds, mit dem als Terminator-Verschnitt namens Cable wieder einmal glänzenden Josh Brolin, Eddie Marsan („Ray Donovan“) oder Morena Baccarin („Homeland“) tun ihr Möglichstes, um den Film genießbar zu machen. Wegen ihnen und starken Actionszenen – etwa mit dem Juggernaut in Aktion – gelingt das auch halbwegs.

Dazu kommt die technische Qualität, die auch gut ins Heimkino transferiert wird – vor allem klanglich im englischen Original. Eine mit nicht unspannenden Extras gefüllte Bonus-Blu-ray kann zumindest eingefleischte Fans versöhnen. Aber das einzig wirklich Gute an „Deadpool 2“ ist, dass er die Hoffnung auf ein drittes Abenteuer mit einem wieder auferstandenen Wolverine schürt. Obwohl dessen Darsteller Hugh Jackman die Rolle des noch größeren X-Men-Antihelden eigentlich ablegen wollte. tsch