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Literatur Alex Beer schickt bei „Die rote Frau“ Inspektor August Emmerich in seinen zweiten Fall / Durchdachte Handlung von atmosphärischen Beschreibungen ergänzt

Krimi aus dem Wien der 1920er Jahre

Archivartikel

Wien 1920: Vor zwei Jahren endete der Erste Weltkrieg, was für Österreich das Ende der kaiserlich und königlichen Monarchie und politisches Ringen um eine neue Staatsform bedeuteten. Obwohl gewisse Kreise im Wohlstand prassen, ist die Versorgungslage in der fragilen Republik überwiegend katastrophal, die Not groß, der Hunger allgegenwärtig. Auch – oder ganz besonders – in der Hauptstadt. Dementsprechend groß die Verzweiflung der meisten Einwohner. Ein Nährboden für Korruption, Plünderungen, Raub, nicht zuletzt Mord und Totschlag.

Kriminalinspektor August Emmerich, der seit kurzem endlich in die Abteilung Leib und Leben (Mordkommission) versetzt wurde, muss sich trotz großer Ambitionen für seine neue Aufgabe mit Schreibtischarbeit begnügen, da ihn die Kollegen samt Chef ablehnen – nicht nur wegen seiner Kriegsverletzung, die ihn „zum Krüppel“ gemacht hat. Auch Neid und Angst vor Konkurrenz bremsen Emmerich und seinen Assistenten Winter aus – bis sie zum Personenschutz einer bekannten Schauspielerin abgestellt werden.

Mit der Versetzung zu Leib und Leben endete der erste Kriminalfall von August Emmerich in „Der zweite Reiter“, mit dem die Österreicherin Alex Beer 2017 ein preisgekröntes Debüt hinlegte. „Die rote Frau“ ist nun der Nachfolger – und nicht weniger gut. Vom kompliziert konstruierten und durchdacht gelösten Fall mal abgesehen, zeigt sich das vor allem darin, dass man trotz der rund 100 Jahre, die zwischen dem Handlungszeitraum und heute liegen, alles so wahrnimmt, als wäre man dabei. Und zwar mit allen Sinnen: Man riecht das Elend einer nur mühsam aufrechterhaltenen Infrastruktur und den Heizungsstaub in der Luft. Man schmeckt den Dreck der Zerstörung.

Man spürt die alles durchdringende Kälte, die nicht nur temperaturbedingt ist, aber auch die mörderische Hitze in der Ziegelfabrik. Man hört die Rufe nach Veränderung, darunter auch immer lauter werdende und neues Unheil verheißende aus der rechten Ecke. Man sieht den Überlebenskampf der einen und den Prunk und die Verschwendungssucht anderer Menschen.

Fiktion und Fakten verbunden

Und man leidet mit Emmerich, der sich auf seinem kriegsversehrten Bein durch Wien schleppt, um einen Mörder zu finden. Das allerdings tut er unter Missachtung aller Anweisungen mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit, wobei er und Winter nicht nur einmal in arge Bedrängnis geraten. Die beiden Ermittler stoßen auf eine Spur, die zur Misericordiae Vultus führt, eine wohltätige Vereinigung, deren Emblem eine Frau in einem wallenden Gewand ist. Und das an anderer Stelle wieder auftaucht: als Gemälde, auf dem die Frau das titelgebende rote Kleid trägt.

Alex Beer ist es gelungen, Fiktion und (geschichtliche) Fakten mit einem nicht zu ignorierenden Aktualitätsbezug zu versehen, was die besorgniserregende Tendenz zu Rechtspopulismus und Rechtsextremismus betrifft. Die gelernte Archäologin hat damit selbst ganz klar Position bezogen. Zudem gewährt die gebürtige Bregenzerin und Wahl-Wienerin wieder einen tiefen zeitkolorierten Einblick in die Stadt und ihre Einwohner, der im Nachwort noch präzisiert wird.