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Sachbuch Der Hamburger Panikrocker Udo Lindenberg stellt seine mit Thomas Hüetlin gemeinsam verfasste Biografie vor

Leben auf der Achterbahn

Die Eckkneipe „Freundschaft“ in Berlin-Mitte. In schummrigem Licht sammeln sich gut einhundert Menschen an der ovalen Holztheke und warten auf den Star des Abends. Panik-Rocker Udo Lindenberg (72) hat am dort zu einer Lesung eingeladen – seine Biografie „Udo“ ist gerade erschienen. Auf dem Programm stehen eine kurze Lesung und eine Musikeinlage. Aber Lindenberg, wie immer mit dunkelbraunem Hut, schwarzer Sonnenbrille und Zigarre in der Hand, bestellt erstmal ein alkoholfreies Bier und hält einen Plausch mit dem ein oder anderen Gast. Gefeiert werde immerhin der Start in einen „goldenen Rocktober“, wie er am Rande erklärt, „mit reichlich Udopium für die Sympathisanten“.

Panikrocker mit Lesebrille

Zu dritt stehen sie hinterm Tresen, als ob sie seit Jahrzehnten Stammgäste im „Freundschaft“ wären: der Rockstar, der Autor Thomas Hüetlin und der Verleger Helge Malchow (Kiepenheuer&Witsch). Fast schon familiär sitzt das Publikum an der Bar um sie herum. „Niemand kann sich vorstellen Deutschland ohne Udo erlebt zu haben“, erklärt Malchow mit viel Pathos in der Stimme.

Während er über das Buch schwärmt, blickt Lindenberg sich im Publikum um, sein Hut wippt dabei auf und ab. Bis der Verleger am Ende schließlich „jetzt wird gelesen“ ruft und das Mikro an den Protagonisten des Abends übergibt. Udo wechselt von Sonnen- auf Lesebrille, das Licht ist zu dunkel.

„Stell Dir vor, du gibst eine Party, und das Ganze dauert ein bisschen länger“, schreibt de Autor gleich zu Beginn des Buches – nun liest es der, dessen Leben da beschrieben wird, vor. „Nicht bis zum Morgengrauen. Nicht zwei oder drei Tage. Eher vierzig Jahre. So genau weißt du es nicht mehr. Es ist schließlich eine Party, und da kann es schon mal passieren, dass man den Überblick verliert.“ Thomas Hüetlin hat für „Udo“ nicht nur mit Udo gesprochen, sondern auch mit Familie, Freunden, Wegbegleitern und Mitgliedern des Panikorchesters. Von der Gartenstraße 3 im westfälischen Gronau, wo der Musiker aufwuchs, bis ins Hamburger Luxushotel „Atlantic“, wo er heute lebt, geht es durch sieben Jahrzehnte.

„Udo“ erzählt von Aufstieg und Abstürzen eines Künstlers, der sich nicht nur seit den 70ern im Musikgeschäft behauptet, sondern seit dem Comeback 2008 erfolgreicher ist als je zuvor. Schon einige Bücher wurden über ihn geschrieben, so manche Anekdote aus dem Leben des Rockstars lieferte Schlagzeilen – vom Leben in der „Villa Kunterbunt“-WG mit Otto Waalkes und Marius Müller-Westernhagen über die geheime Affäre mit Nena bis hin zu Alkoholexzessen mit bis zu 4,7 Promille.

Für „Udo“ hat Hüetlin nicht nur viel Stoff aus diesem ungewöhnlichen Leben zusammengetragen, für „Udo“ hat auch Udo so manchen näheren Blick zugelassen. Auch auf besonders schwere Zeiten wie jene, als er im Jahr 2006 schwer atmend auf dem Bett saß, nachdem er gerade am Telefon vom Tod seines Bruders Erich erfahren hatte. Erich sei sein seelischer Boxenstopp, eine geistige Tankstelle und ein Rettungsfahrzeug gewesen. „Der Udoway war jetzt nur noch ein Highway ohne Leitplanken“, heißt es im Buch.

Rund anderthalb Jahre später singt Udo Lindenberg im Titelsong seines Albums „Stark wie Zwei“ darüber. Ihm gelingt ein Comeback, das kaum jemand mehr für möglich gehalten hatte. Udos Karriere befand sich im Sinkflug, der Alkohol hatte ihn im Griff. Doch er wollte es noch mal schaffen – und noch mal das große Ding machen. Aber: „Das große Ding geht nur ohne Suff im Kopp.“ Nur ein Eierlikörchen sollte ab und an noch immer erlaubt sein.

Zwei Konzerte in der SAP Arena

Auch in der Berliner Kneipe tauscht der Musiker das alkoholfreie Bier gegen den „Feierlikör“. Gelesen wird da längst nicht mehr. Lindenberg schwingt das Mikro wie ein Lasso, lässt die Gäste mitsingen und springt zum Schluss auf den Tresen. Seine Freunde prosten ihm zu. Es dürfte nicht der letzte Anlass in diesem „Rocktober“ sein: Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) hat eine neue TV-Doku produziert: „Udo Lindenberg – Panische Zeitmaschine“ von Hannes Rossacher. „Vergessene Songs, unbekannte Videoclips und geheimnisvolle Orte des Künstlers geben seltene Blicke hinter die Kulissen“, kündigte der Sender an. Und Mitte Oktober will Lindenberg dann noch eine neue Single als Vorboten seines zweiten „MTV Unplugged“-Albums vorstellen, dessen Erscheintermin noch nicht feststeht. Damit geht das Deutschrock-Urgestein ab Ende Mai wieder auf große Tournee, die ihn am 2. und 3. Juli in die Mannheimer SAP Arena führt. (mit jpk)