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Sachbuch Marie Benedict und Slavenka Drakulic schreiben über Albert Einsteins Ehe / Wissenschaftler profitierte von der Arbeit seiner Frau – sie litt unter Einsamkeit

Leben im Schatten des Genies

Albert Einstein ist bis heute einer der wenigen Popstars der Naturwissenschaften. Selbst wer mit der Relativitätstheorie nichts anfangen kann, kennt seinen Namen und sein Gesicht. Der Nobelpreisträger gilt als liebenswert unangepasst, als rebellisches Genie. Sein Bild mit den verwuschelten Haaren und der herausgestreckten Zunge ist längst zur Ikone geworden. Da ist es mehr als verstörend, was in den letzten Jahrzehnten über das Privatleben des Physikers ans Tageslicht gekommen ist.

Albert Einstein war ein ziemlich lausiger Vater und Ehemann. Sein erstes Kind sah er nie und verheimlichte es Familie und Nachwelt. Sein jüngster, an Schizophrenie erkrankter Sohn Eduard war für ihn „kein ganzer Mensch“. Gegenüber seiner ersten Frau Mileva Maric verhielt er sich nicht nur rücksichtslos. Er unterschlug auch die Mitarbeit dieser talentierten Physikerin und Mathematikerin bei wichtigen theoretischen Studien, die ihm am Ende den Nobelpreis einbrachten.

Scheidung führt zu Armut

Nach der Scheidung 1919 lebte Mileva in bescheidenen Verhältnissen, kümmerte sich um den erkrankten Sohn und starb 1948 in Zürich. In ihrem 70. Todesjahr beschäftigen sich jetzt zwei Romane mit dem Schicksal von Einsteins erster Frau.

Die US-Amerikanerin Marie Benedict schildert in „Frau Einstein“ vor allem die Jugend- und Studienjahre Milevas und die glückliche erste Zeit der Beziehung in Zürich. Es ist ein unterhaltsames, in der Ich-Form verfasstes, lesenswertes Buch geworden. Dunkler gehalten ist das Buch der kroatischen Autorin Slavenka Drakulic „Mileva Einstein oder die Theorie der Einsamkeit“. Denn sie stellt die gebrochene, depressive Frau späterer Jahre in den Vordergrund.

Beide Bücher erzählen eine tragisch gescheiterte Emanzipationsgeschichte: Eine kongeniale wissenschaftliche Partnerschaft versandet im bürgerlichen Ehetrott. Mileva verzichtet auf Karriere und Ruhm: „Aus dem selbstsicheren heiteren Mädchen, das Wissenschaft betreiben möchte, ist innerhalb von zehn Jahren eine Dienstmagd geworden, die sich um die schmutzige Wäsche kümmern muss“, schreibt Drakulic. Schlimmer noch ist das Gefühl der Täuschung. Denn gemeinsam verfasste Aufsätze werden nur unter Alberts Namen veröffentlicht, der Name der Ehefrau ist aus der Geschichte gelöscht.

Beide Romane schildern den Verlust des ersten Kindes als Wendepunkt der Beziehung. Das Mädchen Lieserl kam 1902 unehelich auf die Welt. Mileva versteckte sich mit dem Kind bei ihren Eltern in Serbien, Albert kam nie zu Besuch. Schließlich zwang er Mileva sogar, das Kind zu verlassen und bei ihm in Bern zu leben. Lieserl starb wahrscheinlich an Scharlach. Andere Autoren und Biografen vermuten, dass sie zur Adoption freigegeben wurde.

Unverschämte Forderungen

Bis heute konnte das Schicksal von Einsteins verlorenem Kind nicht geklärt werden, so gründlich wurden die Spuren verwischt. Von Lieserls Existenz wissen wir überhaupt nur durch die vor 30 Jahren plötzlich aufgetauchte Korrespondenz des jungen Paares. Bei Drakulic beginnt mit dem Verlust des Kindes Milevas seelische Erkrankung. In Schwermut versunken, blickt sie auf ihr gescheitertes Leben zurück.

Die Trennung von Albert wird endgültig mit einem üblen Forderungskatalog, den er ihr eines Tages auf den Tisch knallt. Darin stehen so unglaubliche Passagen. „Du sorgst dafür, dass meine Kleider und Wäsche ordentlich in Stand gehalten werden, dass ich die drei Mahlzeiten im Zimmer ordnungsgemäß vorgesetzt bekomme“, ist darin zu lesen. Und weiter: „Du verzichtest auf alle persönlichen Beziehungen zu mir. Du hast weder Zärtlichkeiten von mir zu erwarten noch mir irgendwelche Vorwürfe zu machen.“ Leider ist dies keine Fiktion, sondern ein historisches Dokument.

Es ist bis heute in der Wissenschaft umstritten, ob und in welchen Maße Mileva zu Einsteins Relativitätstheorie beitrug. Die Autorinnen sehen diesen Beitrag als gegeben an. Doch ganz unabhängig davon, ob sie hier richtig liegen, wird man nach der Lektüre dieser Romane Albert Einstein in einem anderen Licht sehen. Man muss es leider so sagen: Der menschliche Anstand hielt mit seiner Genialität nicht Schritt. dpa