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Literatur Zürcher Kampa-Verlag legt mehrere Romane von Georges Simenon neu auf / Gesamtausgabe in Planung

Liebevoll gestaltete Maigret-Krimis

Schon das Buch in der Hand lässt nostalgische Verzückung aufkommen: der mit Stoff bezogene Deckel, die gemütliche Pfeife auf dem Cover, die Schriftart von anno dazumal. Die Erzählung „Maigrets Pfeife“ von 1947 aus der legendären Krimi-Serie des belgischen Bestsellerautors Georges Simenon lässt in vergangenen Zeiten schwelgen. Der neue Kampa-Verlag in Zürich plant die erste deutschsprachige Simenon-Gesamtausgabe.

Möglich wird das, weil der Diogenes-Verlag 2016 nach rund 40 Jahren die Simenon-Rechte verloren hat. Daniel Kampa, selbst viele Jahre in der Diogenes-Geschäftsleitung mit Simenon befasst, hat sich selbstständig gemacht. Die Neuauflage der großen psychologischen Romane und der autobiografischen Werke Simenons teilt sich Kampa mit dem Hoffmann und Campe-Verlag, den er zuletzt leitete.

Schreiben wie am Fließband

Der in Lüttich geborene Simenon ließ sich nach Stationen in Frankreich und den USA in Lausanne am Genfersee nieder. Dort starb er 1989. Sein Sohn John Simenon (69) managt das dortige Simenon-Archiv – und er zieht wahre Schätze aus den Schubladen. Etwa Erstausgaben in vielen Sprachen. Für damalige Zeiten ganz ungewohnt, haben sie Fotos auf dem Cover. „Mein Vater war in vielem Pionier“, sagt John. Er hat auch illustrierte Beilagen des „Philadelphia Inquirer“ mit Maigret-Geschichten aus den 1940er Jahren im Original, oder Poster zu einer Simenon-Verfilmung mit Romy Schneider aus den 1970er Jahren. Dann holt er ein Bündel mit 1000 Briefen Simenons an Johns Mutter Denyse Ouimet hervor. „Er schrieb ihr jeden Tag drei sehr persönliche Briefe, und man sieht: er war voller Liebe“, sagt John Simenon. Mit Kampa überlegt Simenon, einige Briefe erstmals zu veröffentlichen.

Georges Simenon schrieb in den 20er Jahren zunächst Groschenromane wie am Fließband, unter Pseudonym. Als „Georges Sim“ schrieb er auch lange vor den Maigrets schon Krimis, etwa mit „Kommissar G7“, der wegen seiner roten Haare nach einem Pariser Taxiunternehmen namens G7 mit rotem Dach benannt war. Vier G7-Geschichten bringt Kampa unter dem Titel „Das Rätsel der Maria Galanda“ in deutscher Erstausgabe heraus. „G7 ist jung und mehr wie Simenon selbst. Maigret ist älter und so, wie Simenon sich seinen Vater gewünscht hätte“, sagt Kampa. Maigret-Krimifans schätzen, dass das „Wer war’s“ meist in den Hintergrund rückt. „Die kleineren und größeren Verbrechen dienen vor allem als Anlass, sich in Lebensgeschichten hineinzudenken, deren Abgründe sich durch traurige Banalität auszeichnen“, schreibt der Schriftsteller und Übersetzer von „Maigrets Pfeife“, Karl-Heinz Ott.

Um die Dynamik des Zusammenlebens und um menschliche Abgründe geht es auch oft in Simenons großen Romanen, die er neben den Krimis schuf. Mit „Der Schnee war schmutzig“, „Chez Krull“ und „Das blaue Zimmer“ schaffte er es „in den literarischen Olymp“, wie Ott schreibt: Der ehrwürdige französische Verlag Gallimard nahm ihn in die Bibliothèque Pléiade mit Werkausgaben von Klassikern der Weltliteratur auf.

Mehr als 400 Bücher hinterlassen

John Simenon beschreibt das Verhältnis zu seinem Vater als wunderbar. Anstrengend fand er manchmal aber dessen Erwartungen: „Er hat zwar immer gesagt: mach, was dich glücklich macht – aber wenn man seine Erwartungen nicht erfüllt hat, hat er einen das sehr deutlich spüren lassen.“ John war Film- und Fernsehproduzent, bevor er 1995 die Nachlassverwaltung übernahm.

John hat die Bücher oft schon vor der Veröffentlichung gelesen. Nur als er sich als pickeliger Teenager im Buch „Die Beichte“ selbst wiederfand, reagierte er verstört: „Das war mir zu intim, aber so war mein Vater: er hat gesagt, er hat nie etwas erfunden, sondern alles aufgesogen, was er sah und erlebte, und hat es dann literarisch verarbeitet.“ Mit knapp 70 Jahren umfasste Simenons Werk schon mehr als 400 Bücher und über 1000 Erzählungen. Er diktierte dann noch mehrere autobiografische Bände. Mit 86 Jahren starb er.