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Literatur Hoffmann & Campe veröffentlicht Irene Disches gesammelte Erzählungen / Gekonnte Milieustudien, die teilweise mit Klischees spielen

Maskeraden des Sozialen

Archivartikel

„Fromme Lügen“ hieß der Erzählungsband, mit dem Irene Dische 1989 in der „Anderen Bibliothek“ ihres Entdeckers Hans Magnus Enzensberger an die Öffentlichkeit trat – mit großem Erfolg. Frei von (deutschen) Befangenheiten spürt Dische darin die verschlungenen Maskierungen auf, mit denen jüdische Menschen die Traumatisierungen ihrer Familien kaschieren. Dische unterläuft dabei jeden Betroffenheitsgestus, sie pfeift auf politische Korrektheit, ohne damit auf den Beifall der Populisten zu spekulieren.

Jetzt liegen sämtliche Erzählungen der Deutsch-Amerikanerin in einem Band vor: neben den „Frommen Lügen“ die Erzählungen aus dem Band „Die intimen Geständnisse des Oliver Weinstock“ (ohne die darin auch enthaltenen Reportagen), alles aus dem Band „Lieben“ von 2007, dazu einige verstreut publizierte Erzählungen sowie zwei bislang unveröffentlichte Texte.

Gute Gelegenheit also, den Dische-Kosmos ausgiebig zu besichtigen. Man trifft darin auf Menschen, die auf sympathisch verschrobene und selbstbetrügerische Weise sich schwertun, die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Männer werden zu müde für ihre Affären, oder sie nehmen sich eine Geliebte weit unterhalb ihres Standes (und sind dann in ihren Kreisen unten durch). Eltern reden sich die Talentlosigkeit ihrer Kinder schön (und müssen dafür am Ende büßen). Und dann Disches Liebesgeschichten: lebenskluge Beobachtungen törichten Verliebtseins, selbstschädigender Liebeslügen, fatalen Scheiterns – gelegentlich auch unverhofften Glücks.

Lässiger Tonfall

Zuweilen versucht sich Dische im tragischen Fach, gelegentlich klingt in ihrer Kühle ein Kleist’scher Tonfall mit an. Den Höhepunkt ihrer Kunst erreicht sie stets, wenn sie sich vorurteilslos und mit scharfem Sezierbesteck den Maskeraden des Sozialen zuwendet. Da belauscht sie zum Beispiel deutsche Helikopter-Mütter auf dem Spielplatz und gibt uns, pointensicher verdichtet, den Selbstverständigungsjargon des typischen intellektuellen Milieus im Originalton wieder.

Diese Erzählerin gibt kein Pardon. „Als die Damen im Altenheim an der Ecke zum ersten Mal von den neuen amerikanischen Theorien über die Schuld der Deutschen hörten, kippten sie vor Lachen fast die Kaffeetassen um.“ Was weiß denn dieser „Golddingsbums“ schon, wie es damals war?

Nicht minder erbarmungslos schaut Dische auch bei ihren Erkundungen der amerikanischen Seele dem Volk aufs Maul: mal in einem launigen Capriccio über eine politische überkorrekte Schulleiterin, mal parabelhaft wie in der (hier zum ersten Mal veröffentlichten) Familiengeschichte aus dem erzrepublikanischen Milieu und seinen rassistischen Obsessionen.

Das alles wird frisch von der Leber weg erzählt: in effektbewusst forciertem Tempo, mit sarkastischem Understatement und lakonisch präsentierter Pointe. In der Gesamtschau wird dabei deutlich, in welchem Maße der Dische-Sound auch ein Produkt der deutschen Übersetzer ist, namentlich Reinhard Kaisers. Die Lektüre des ganzen Konvoluts zeigt freilich auch, dass Disches Prägnanz nachlässt, sobald sie die ihr vertrauten Soziotope der New Yorker Schickeria oder der Charlottenburger Intelligenzia verlässt. „Ständig tröpfelten aus ihr Erkenntnisse über die Kunst in den reglosen See der sie umgebenden öffentlichen Meinung.“ Solche Sätze fallen eher selten, wenn Irene Dische sich aufs fremde Terrain islamischer Heiratskonventionen oder irakischer Emigrantenschicksale begibt.

Da bleiben die Figuren dann oft klischeebeladen, und auch der Sprachwitz verflüchtigt sich. Aber so ist das mit Geschenkpackungen: Im Sortiment von fast fünfzig Stücken kann ja nicht alles ein Spitzenprodukt sein.

Zum Buch: Irene Dische: „Zum Lügen ist es nie zu spät. Gesammelte Erzählungen". Aus dem amerikanischen Englisch von Otto Bayer, Monika Elwenspoek, Reinhard Kaiser, Hans Magnus Enzensberger u.a. Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg. 640 Seiten, 22 Euro.