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Literatur David Szalay geht in seinem Roman einer brisanten Frage nach: „Was ein Mann ist“

Melancholie des Scheiterns

„Was ein Mann ist“: Der Titel verspricht Erkenntnisgewinn. Also Orientierung in einer Zeit, in der das Mannsein unter Druck geraten zu sein scheint. Jenes Mannsein jedenfalls, das in gängigen Sexismus-Debatten als vorgestrig und gesellschaftsunfähig aussortiert wird. Und zu dessen Kollateralschäden eine grassierende Verunsicherung gehört.

Nur spärliche Beziehungen

Den Männern in David Szalays Roman geht es nicht anders. Szalay dekliniert die maskuline Verunsicherung in neun Geschichten durch. Den Monaten April bis Dezember wird jeweils ein Ausschnitt aus dem Leben eines Hauptprotagonisten zugeordnet, die vom 17-jährigen Simon bis zum 73-jährigen Tony Parson ein ganzes Männerleben, gespiegelt in unterschiedlichen biografischen Facetten, umfassen. Dass der Verlag diese Kurzgeschichten als „Roman“ bezeichnet, verwundert. Denn es gibt zwischen den Figuren allenfalls spärliche Beziehungen.

Zudem lässt David Szalay seine Erzählungen in unterschiedlichen europäischen Ländern spielen: Ein Interrail-Trip nach Prag, eine Pauschalreise nach Zypern, ein Journalistenjob in Schweden, ein zwielichtiges Geschäft in London, die Überführung eines Autos nach Polen, das Ende einer Dienstfahrt in Italien. Die Frage, „was ein Mann ist“, exerziert Szalay an Typen und Schicksalen durch, die eher nicht in die Kategorie „normal“ oder „alltäglich“ passen. Es sind Geschichten über Umtriebe im halbseidenen Milieu wie über einen Journalisten auf der Karriereleiter oder die Hochglanzbiografie eines Superreichen kurz vor dem Absturz. Insofern bleibt die im Romantitel gestellte Frage für den gemeinen Leser eher unbeantwortet.

Man könnte den Roman freilich auch mit der Frage konfrontieren, „was eine Frau ist“. Diese entzieht sich im Buch ebenso der eindeutigen Festlegung. Männer und Frauen sind eben vor allem und zuerst – Menschen.

Allerdings gelingt dem 1974 in Montreal geborenen Autor ein authentisches Panorama unterschiedlicher Lebensentwürfe, die trotz ihrer Heterogenität Entscheidendes gemeinsam haben: die Melancholie des Scheiterns. Einigen Romanfiguren gelingt zwar der große Wurf, doch dann landet der Ball im Aus oder verschwindet von der Bildfläche. „Das Leben ist kein Witz“, heißt es an einer Stelle. Das haben Männer zu früheren Zeiten sicher auch gewusst. Aber sie mögen dabei nicht so ratlos gewirkt haben wie heute.