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Sachbuch Der 33-jährige Fußballweltmeister veröffentlicht gemeinsam mit dem Journalisten Raphael Honigstein einen Bericht über seinen Werdegang

Mertesacker kritisiert Auswahlsystem

Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Kurz vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland (14. Juni bis 15. Juli) hat einer, der vor vier Jahren selbst Weltmeister geworden ist, einiges zu sagen: zum Leistungssport, zu mentaler Stärke und Schwäche, zu Politik, Familie und Gesellschaft. Also fast zu allem, was ihn beschäftigt: Per Mertesacker, 104-facher Nationalspieler, Weltmeister von 2014, langjähriger Bundesliga- und Premier-League-Profi, in seinem Buch „Weltmeister ohne Talent“.

Im Fokus steht die außergewöhnliche Karriere des 33-Jährigen aus Niedersachsen. Selbst Leser, die sich nicht für Fußball interessieren, dürfte dieser locker und unterhaltsam vom Journalisten Raphael Honigstein aufgeschriebene Bericht über den Werdegang eines Sportlers, dem als Kind jegliches Talent für Fußball abgesprochen wurde, gefallen. „Merte“ gehört nicht nur zu den Sympathieträgern, sondern auch zu jener Spezies von Spitzensportlern, die sich eher zurücknimmt, als mit markigen Sprüchen aufzufallen. Umso erstaunter verfolgte die Nation dann vor vier Jahren gerade von ihm jenes „Eistonnen-Donnerwetter“ nach dem WM-Spiel gegen Algerien, als er bei kritischen Reporterfragen heftig reagierte.

Angstzustände vor großen Spielen

Das brasilianische Festival 2014, als die deutsche Nationalmannschaft mit dem Weltmeistertitel gekrönt wurde, nimmt breiten Raum in dem Buch ein. Mertesacker lässt unvergessliche Momente vor dem geistigen Auge entstehen, das Bangen und Hoffen einer ganzen Nation wieder fühlbar werden, aber auch das Zittern, die große Nervosität, die Unruhe der Strategen vor und während eines Spiels. Das alles durchlebt der Verteidiger, den man in England freundlich spöttisch „Big Fucking German“ nennt, aber nicht nur vor Großereignissen wie einer WM. Brechattacken und Durchfall vor einem Spiel waren stets seine unliebsamen Begleiter.

Mertesacker beschäftigt sich in dem Buch mit seinen Anfängen, seiner Zeit als Bundesliga-Profi bei Hannover 96, und natürlich ausführlich mit Mitspielern, Trainern und Betreuern, natürlich auch mit Bundestrainer Joachim Löw. Mertesacker teilt nicht aus, bleibt sachlich in der Argumentation und frotzelt, wenn es um ihn selbst geht, zum Beispiel, wenn er mal einen über den Durst getrunken hatte.

Im Sommer wird er die Leitung der Nachwuchsakademie bei Arsenal London übernehmen. „Der Anfang“ ist sein letztes Kapitel – und zugleich eines der interessantesten. Hier nämlich gibt Mertesacker seine Haltung zum heutigen Spielernachwuchs preis, und die hält durchaus Überraschungen bereit. So geht es um die aktuelle schärfere Selektierung junger Talente: Er selbst wäre unter solchen Umständen schon mit dreizehn, vierzehn oder fünfzehn aussortiert worden, glaubt der „Weltmeister ohne Talent“.

Eine halbe Million Pfund pro Jahr

Zudem fange die totale Fokussierung auf die fußballerische Leistung viel früher an. Es sei normal, mit dreizehn schon einen Berater zu haben. Manche Fußballer der englischen Premier-League verdienten als Azubi bereits eine halbe Million Pfund im Jahr. Diese Summen seien ein Problem. Auch sei es kontraproduktiv, jungen Spielern alle Hindernisse schon von vornherein aus dem Weg zu räumen. Er wolle, dass die Jungprofis mit der Normalität konfrontiert werden. „Um dieses Rad zurückzudrehen, bedarf es unglaublich vieler Leute, die sich hinter diese Aufgabe klemmen.“

Per Mertesacker, stets als fairer Spieler bekannt, möchte dem Fußball-Nachwuchs klar machen, dass es nicht immer fair zugeht. „Der beste Fußballer aller Zeiten wird vielleicht nie Weltmeister werden. Dafür läuft ein langer Schlaks, der besser beim Schwimmen gelandet wäre, mit goldenem Pokal in der Hand aus dem Maracana.“