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Weinheim Ausbilder Schmidt strapaziert mit seinem neuen Programm „Die Lusche im Mann“ die Zwerchfelle seiner Zuschauer

Milchkaffee am Bett statt Morgenappell

Archivartikel

Auch sieben Jahre nach dem Abschaffen der Wehrpflicht besitzt Ausbilder Schmidt die Lizenz zum Anbrüllen und fährt privat den letzten Panzer der Bundeswehr. „Sehr praktisch im Stau, weil man drüber fahren kann.“

Nach wie vor sind jedoch die Luschen, auch Warmduscher genannt, seine größten Feinde, die man sich am besten um 5 Uhr beim Morgenappell vornimmt. Also ganz der alte Leuteschinder? Eher nein, denn beim Betreten der Bühne bleibt in der „Alten Druckerei“ sein berühmter Standard-Brüller „Morgen, Ihr Luschen!“ erst einmal aus. Dafür erschallt aus dem Lautsprecher das Biene-Maja-Lied, was so manchen Fan irritiert. Doch Ausbilder Schmidt, alias Holger Müller, klärt rasch auf: „Die erste Lusche, die ich im Leben kennengelernt habe, war Majas Bienenfreund Willi.“

Vorpremiere in Weinheim

Seine helle Luschen-Stimme habe den kleinen Ausbilder damals schon aggressiv gemacht und ihn veranlasst, dieser Spezies den Kampf anzusagen, wie auch in seinem neuen Programm „Die Lusche im Mann“, mit dem er in Weinheim Vorpremiere feierte.

Obwohl der Funke an diesem Abend eine Weile brauchte, bis er auf das Publikum übersprang, lief Holger Müller spätestens dann zu Hochformen auf, als er von den „katastrophalen Zuständen“ in seiner einst geliebten Bundeswehr sprach, wo sich das Luschentum bereits wie ein Virus ausgebreitet habe. „Das haben wir dieser kleinen blonden Frau zu verdanken, die ihre Ausbilder lieber knuffelig mag, Typ Reiner Calmund.“ Aber den könne man ja wenigstens als Kalorienbombe über England abwerfen.

Auch der neue, geblümte Mini-Kampfrucksack, „Modell Uschi“, sei eine Lachplatte, ebenso die belegten Brote in Tupperdosen und die glutenfreien Müsliriegel. Milchkaffee am Bett statt Morgenappell. „Wer will denn da überhaupt noch hin?“, brüllt der Ausbilder und stellt sich Schulabgänger ohne Abschluss auf den mit Solarstrom betriebenen Panzern vor oder Rentner, die mit auf den Gehhilfen montierten Gewehren ins Manöver schleichen.

Vor allem könnten diese Weicheier keinen richtigen „Zusammenschiss“ mehr vertragen, ohne gleich einen Nervenzusammenbruch zu bekommen. Doch wenn der Ausbilder recht überlegt, ist auch sein Haushalt mit einer Lusche kontaminiert worden. Er denkt da an seinen 16-jährigen Sohn „Ruckzuck“, den er neulich mit einem Poesiealbum erwischt habe.

Manchmal lechzt der Ausbilder geradezu danach, jemanden mal richtig „zur Sau zu machen“. Wie auf Kommando schallt es aus dem Publikum: „Ausbilder, sei streng zu uns!“ Das höre er von seinen Rekruten Grönemeyer, Lindenberg und Calmund allerdings seltener. Bei Letzterem gelingt ihm die verfressene Parodie „Immer schön mit Sahnesößchen“ geradezu genial.

Müllers Witze sind weder politisch korrekt noch geschmackvoll. Zwei Kostproben: „Warum isst ein Farbiger weiße Schokolade? Damit er sich nicht in die Hand beißt“ oder „Was haben Handgranaten und Frauen gemeinsam? Wenn man den Ring abzieht, ist das Haus weg“.

Verwandlung in Schlagersänger

Doch die Lachtränen fließen im Publikum ohne Unterlass, sogar bei dem unvermeidlichen Urologen-Witz. Denn Holger Müller versteht die Kunst, auch dem tausendmal Gehörten neue und subtile Pointen zu geben, und wenn er Barett und Sonnenbrille ablegt, ins rote Jackett schlüpft und Schlager trällert, dann wird er zum Feindbild desjenigen, den er als Ausbilder Schmidt darstellt. Dann ist förmlich zu spüren, wie das Publikum seine Zurückverwandlung herbei sehnt.

Im Jahr 2008 lief sein erster Kinofilm mit mäßigem Erfolg. Doch das neue Drehbuch wartet bereits. Sein Ausschnitt daraus, in dem er die Kanzlerin von „Pegidadisten“ als Geisel nehmen lässt und er bei ihrer Befreiung mit einem Helikopter-Flügel im Rücken in den Armen von Biene Willi den Heldentod stirbt, ist ebenso albern wie makaber.

Nach dem zweistündigen Lach-Marathon bleibt nur die Frage, in welche Schublade man diesen sympathischen Feldwebel mit dem dreckigen Lachen eigentlich stecken soll. rav