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Weinheim In der ausverkauften Peterskirche sorgt Carl Orffs „Carmina Burana“ für ein überwältigendes Klangerlebnis

Mit elementarer Kraft

Archivartikel

Die lange Menschenschlange, die sich am Samstagabend auf der Treppe vor dem Eingang der Peterskirche bildete, ließ schon ahnen, dass es bei diesem Konzert wohl kaum einen freien Platz geben würde. „Carmina Burana“, das monumentale Lebenswerk des Klangzauberers Carl Orff hatte rund 1200 Zuschauer angelockt, von denen einige sogar stehend Orffs gewaltige Kantate erlebten.

Schon der Anblick des ganz in Rot gekleideten, 100-köpfigen Chores und das riesige Arsenal an Schlaginstrumenten war ein beeindruckender Anblick. Kantorei, Singschule und der Jugendchor „Vivida Banda“ der Peterskirche bildeten zusammen mit der Singschule an der Hochschule für Kirchenmusik Heidelberg den stimmgewaltigen Chor, den Anne-Christine Langenbach mit viel Sinn für klangmalerische Raffinesse dirigierte.

Der Weinheimer Percussion-Virtuose Thorsten Gellings begeisterte zu Anfang bei dem Stück „Frates“ von Arvo Pärt mit seinem atemberaubenden Tanz der Schlegel auf dem Marimbaphon und dem Xylophon. Ebenso bediente er die bei der „Carmina Burana“ besonders stark strapazierten Pauken und leitete das Schlagzeug-Ensemble Weinheim, bei dem der kleinste und jüngste Musiker den größten Gong schlug. Die beiden Pianisten Jens Schlichting und Rolf Fritz gaben, ebenfalls im Einleitungsteil, mit Sergej Rachmaninoffs symphonischem Tanz für zwei Klaviere einen sensiblen Einblick in die russische Seele.

Gigantische Paukenschläge

Dann kam der Moment, auf den wohl alle warteten. „Fortuna Imperatix mundi“, der erste Teil der Carmina, dem wohl gewaltigsten Chorstück der Musikgeschichte, erklang, jubelnd und strahlend mit elementarer Kraft, untermalt von gigantischen Paukenschlägen. Schon verbanden sich melodischer Gesang und mitreißender Rhythmus zu einem packenden musikalischen Sog, bei dem mittelalterliche Klangkultur und musikalische Moderne ineinander flossen.

Fortuna hatte es mit Carl Orff gut gemeint, als sie ihm 1979 einen Antiquariatskatalog in die Hände spielte, der Lieder und Gedichte eines gewissen J.A. Schmeller enthielt, gefunden im bayrischen Kloster Benediktbeuren, lateinisch „Burana“ für „Beurer Lied“. Orff hat mit seiner auf Rhythmus-Effekte und Dramatik setzenden Musik aus lateinischen, französischen und provenzalischen Liedtexten eindrückliche Bilder aus Leidenschaft, Erotik und Schönheit geschaffen, die ursprünglich für szenisches Ballett konzipert waren. Spielerische wie tragische Momente kommen zum Vorschein und bringen das große Rad der Fortuna zum Drehen.

Die Solisten: Sabine Götz (Sopran), Dieter Schweigel (Bariton), Joaquin Asian (Tenor) sangen mit ihren voluminösen Stimmen nicht nur von Frühlingsgefühlen, Zorn, Liebe und Eifersucht, sie legten in ihre Arien auch eine gehörige Portion Darstellung. Der besonders temperamentvolle und gestenreiche Auftritt des spanischen Tenors Joaquin Asian sorgte für große Heiterkeit im Publikum.

Die „Carmina Burana“ ist in drei Abschnitten gegliedert, die von einer gewaltigen Vision der Schicksalsgöttin Fortuna umrahmt werden. Es geht um das Erwachen des Frühlings, die aufkeimende Liebe und den leiblichen Genuss. Bei dem Sauflied „Taberna Quando Sumus“ wurden die Männerstimmen akkurat wie ein separater Chor heraus gehoben.

Zur Begeisterung des Publikums erhoben die Herren dabei ein Glas zum Prosit. Zarte Gefühle und derbes Feiern gingen Hand in Hand, wobei der Schluss-Gesang, wie bei einem drehenden Rad, wieder zurück findet zu dem jauchzenden „O Fortuna“, bei dem wohl jeden Zuhörer ein Gefühl wohliger Gänsehaut befällt.

Ovationen für Herausragendes

Auch 36 Jahre nach dem Tod von Carl Orff wird seine Klang-Orgie „Carmina Burana“ immer noch mit minutenlangen Begeisterungsbekundungen bedacht, so auch am Samstagabend, als sich die Zuschauer dabei erhoben, um sich für die herausragenden Leistungen von Chor, Solisten, Musiker und der sicheren und souveränen Leitung von Anne-Christine Langenbach zu bedanken.