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Sachbuch Der Archäologe Eric H. Cline gibt in „Versunkene Welten und wie man sie findet“ eine Einführung in die Archäologie / Aktuelle Erkenntnisse und Richtigstellungen

Mythen um Schliemann entzaubert

Archivartikel

Seit der amerikanische Archäologe Eric H. Cline 2014 mit „1177 v.Chr.“ eine äußerst erfolgreiche Monografie über die bedeutenden Umwälzungen zu Beginn des 12. vorchristlichen Jahrhunderts veröffentlicht hat, bringt er mit schöner Regelmäßigkeit Bücher für ein breiteres Publikum auf den Markt. In diesem Jahr heißt es „Versunkene Welten und wie man sie findet. Auf den Spuren genialer Entdecker und Archäologen“ (im Original 2017: „Three Stones make a Wall“).

Cline wandelt damit auf den Pfaden des „Romans der Archäologie“, den der Journalist und Lektor Kurt Willi Marek (1915-1972) unter dem Pseudonym C.W. Ceram 1949 publiziert hat: „Götter, Gräber und Gelehrte“. Ein Buch, das er nach eigenen Angaben als Jugendlicher verschlungen und das mit dazu beigetragen hat, seinen Berufswunsch Archäologe zu zementieren. Inzwischen ist er als Direktor des Archäologischen Instituts der George Washington Universität in der US-Hauptstadt ein ausgewiesener und anerkannter Fachmann.

„Zerstörerische Übergriffe“

Clines Motivation ist immer die gleiche. Er will den Einfluss der „Pseudo-Archäologie“ zurückdrängen, vor allem den solcher Leute, die alles und jedes mit außerirdischen Einflüssen zu erklären versuchen. In dem neuen Buch schreibt er darüber hinaus gegen die „zerstörerischen Übergriffe auf archäologische Stätten und Museen“ an – sei es durch Plünderungen oder durch Kriege. Eine Aufgabe, die nach seiner Ansicht nicht nur den Ausgräbern allein aufgebürdet werden sollte, gehe doch dieses Problem „uns alle an: Die gesamte Menschheit ist dafür verantwortlich, die Überreste längst verlorener Zivilisationen zu bewahren.“

Das Material, das Cline für „Versunkene Welten“ zusammengetragen hat, entspricht seinem Einführungskurs an der Universität – ergänzt um die neuesten Forschungsergebnisse. Und das ganze in einer leicht verständlichen Sprache, die sich von dem Fachchinesisch manch anderer Autoren wohltuend abhebt. Und der sich selbst auch nicht ganz so ernst nimmt. So erwähnt Cline im Epilog einen Aufkleber, der in seinem Uni-Büro hängt: „Archäologe – der coolste Job der Welt. Ich rette die Vergangenheit, was tust du?“

In sechs Kapiteln werden wichtige Stationen in der Entwicklung der Archäologie beschrieben: neueste Ergebnisse und Techniken ebenso wie das Geraderücken von falschen Erkenntnissen in aller Deutlichkeit. So ist der Fachwelt natürlich längst klar, dass es keineswegs Heinrich Schliemann war, der Troja wiederentdeckt hat, sondern Frank Calvert, zu Beginn der 1870er Jahre US-Vizekonsul in der Türkei (Osmanisches Reich).

Leichtgläubigkeit der Öffentlichkeit

Doch Schliemann verstand es bis weit über seinen Tod hinaus, die Verdienste Calverts in den Hintergrund zu drängen. Cline schmälert Schliemanns Verdienste um Troja, Mykene und auch Tyrins nicht, doch er stellt so mache liebgewonnene Information richtig. So könnte es zum Beispiel sein, dass der „Schatz des Priamos“ – dessen Weg vom Nordwesten der Türkei über Berlin bis ins Moskauer Puschkin-Museum allein schon eine eigene Geschichte wert ist – möglicherweise gar nicht an einer einzigen Stelle entdeckt wurde, sondern in einer ganzen Grabungssaison. Am Ende versuchte er dann „einer leichtgläubigen Öffentlichkeit“ weiszumachen, er habe einen großen Schatz entdeckt.

Cline spart auch nicht mit Kritik an Fachkollegen. So hatte das Team um den Leiter der Troja-Grabungen, Manfred Korfmann (1942-2005), per Fernerkundung (Cäsium-Magnetometer) herausgefunden, dass Troja viel größer als ursprünglich angenommen und zudem von einer gewaltigen Mauer umgeben war. Als man sich daran machte, die Mauer auszugraben, stellte es sich heraus, dass es sich lediglich um einen Graben handelte, der im Laufe der Jahrhunderte mit Müll und Schutt angefüllt wurde. Der Magnetometer hatte das dann als solide Mauer aussehen lassen. Clines Schlussfolgerung: „Halte nie eine Pressekonferenz ab, bei der du Resultate einer Fernerkundung vermeldest, bis du nicht wenigstens einen Teil der vermeintlichen Entdeckungen ausgegraben hast.“

Und so manche nette Anekdote findet ebenfalls Eingang in dieses lesenswerte Buch. So hat die Krimi-Autorin Agatha Christie einmal gesagt: „Ein Archäologe ist der beste Ehemann, den sich eine Frau wünschen kann. Je älter sie wird, desto interessanter wird sie für ihn.“ Der Hintergrund: Als Christie ihren Mann, den Archäologen Max Mallowan, 1930 kennenlernte, war er 26 und sie 40 Jahre alt.

Ein wirkliches Ärgernis ist allerdings die Auslagerung der Bibliografie ins Internet. Das Buch hat mit 528 Seiten zwar schon einen beachtlichen Umfang, doch für diese 42 Seiten hätte doch auch noch Platz sein können.