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Literatur Robert Seethalers neuer Roman „Das Feld“ schildert die Lebensgeschichten zahlreicher Figuren / Die Vergangenheit der fiktiven „Paulstadt“ wird so lebendig

Panorama eines kleinen Ortes entsteht

Archivartikel

Unsere Gegenwart ist unübersichtlich und komplex geworden. Da stellt sich die Sehnsucht nach einfachen Geschichten und überschaubaren Verhältnissen fast zwangsläufig ein. Vielleicht lässt sich so auch der phänomenale Erfolg der letzten Bücher des 1966 in Wien geborenen Robert Seethaler („Der Trafikant“) erklären. Der Autor hat in globalisierten Zeiten offensichtlich einen Nerv getroffen. In seinem letzten Roman „Ein ganzes Leben“ (2014) erzählte der Romancier und Schauspieler vom Schicksal eines Landarbeiters, der von früher Kindheit bis zum Tod im selben Bergtal lebt.

Jetzt legt Seethaler seinen neuen Roman „Das Feld“ vor und entführt uns darin auf den Friedhof einer Kleinstadt. Hier lässt der Autor die fiktiven Toten als Ich-Erzähler sprechen und auf ihre Leben zurückblicken.

Korrupter Mensch mit guter Seite

Diese knappen Lebensbeschreibungen oder Biogramme sind immer nur ein paar Seiten lang, dann geht es weiter zur nächsten Person, manchmal reicht auch eine Buchseite. Entstanden ist so der Mikrokosmos des fiktiven Örtchens Paulstadt irgendwann – so kann der Leser allenthalben lediglich vermuten – in den 1970er Jahren oder etwas später, als zahlreiche Unternehmer Supermärkte oder auch Einkaufszentren auf der grünen Wiese bauten. Ausdrückliche Hinweise darauf, in welcher Zeit sich die fiktive Handlung abspielt, fehlen.

Wir lernen die Lehrerin mit der verkrüppelten Hand kennen und ihren liebenden Ehemann, erfahren vom traurigen Schicksal einer Blumenhändlerin, erschrecken über den Wahnsinn des Pfarrers, der seine eigene Kirche anzündet. Oder wir sind angewidert von den Machenschaften des korrupten Bürgermeisters, der dennoch eine gute Seite hat und vielleicht doch kein ganz schlechter Mensch war. Eine Frau eröffnet mit wenig Glück einen Schuhladen. Berührend wird das Leiden des spielsüchtigen Lennie Martin oder die zarte Freundschaft zwischen zwei Greisinnen im Sanatorium geschildert.

Seethaler gelingt es oft sehr gut, in wenigen schlichten Sätzen ein ganzes Leben oder die Tristesse einer Ehe in der Sackgasse zu skizzieren. Die etwas längeren Geschichten bleiben allerdings viel besser im Gedächtnis. Zum Beispiel die des arabischen Gemüsehändlers Navid al-Bakri, der nicht an Gott glauben kann, aber die Asche seines Vaters zurück in die Heimat bringen will. Als er dort ankommt, ist aus dem Elternhaus ein Parkplatz geworden. Der Autor hat ein gutes Gespür für unscheinbare Details: Er beschreibt die Delle in den Dielen an der Stelle, wo der Händler zeitlebens an seiner Waage stand: „eine kleine Grube, in der ich mich sicher fühlte“.

Beschreibungen oftmals zu kurz

Um diese fast unsichtbaren Lebensorte dreht sich Seethalers Kleinstadtprosa, die manchmal bieder, oft aber auch berührend daherkommt. In Details meint der Leser hier die ganze Welt zu entdecken. Fast programmatisch fällt die Lebensgeschichte des Stadtreporters Hannes Dixon aus, der 39 Jahre lang den „Paulstädter Boten“ herausgab. Sein Fazit: „Nichts von dem, was ich druckte, ging um die Welt, alles blieb in Paulstadt. Aber es machte keinen Unterschied.“

Am Ende von „Das Feld“ bleibt trotzdem ein zwiespältiges Gefühl. Gerade weil einige Geschichten sehr gut erzählt sind, will man natürlich mehr lesen als nur die paar Seiten, die uns der Autor gönnt. Die biografischen Häppchen, die Seethaler uns serviert, funkeln pointiert, aber stillen leider nicht den Lesehunger.