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Sachbuch Frank Richter streitet in „Hört endlich zu!“ für offene Ohren und bleibt dabei aber recht vage

Plädoyer für gegenseitiges Verstehen

Frank Richter hat sich einen Namen gemacht als kluger und zeitweilig erfolgreicher politischer Mittler im Dresden der Pegida-Demonstrationen. Den Imperativ im Titel seiner Streitschrift „Hört endlich zu!“ begründet der Theologe mit Grundsätzlichem wie auch Persönlichem.

Richter sieht im ganzen Land eine „Schneise geistiger Verwüstung“ durch neoliberale Wahnvorstellungen von ewigem Wachstum. Bei einem verregneten Wahlkampfauftritt von Angela Merkel („eine müde und traurig wirkende Frau“) vor 300 Ostdeutschen im Städtchen Barth fühlte er sich von der entpolitisierenden Visionslosigkeit der Kanzlerin „intellektuell beleidigt“.

Düster wiederholt Richter die Warnung Stefan Heyms von 1992 vor dem Bundestag, die Menschen im Osten Deutschlands würden, wenn sie sich nicht artikulieren können, „die Häuser anzünden“ und ohne demokratische Lösung „wieder dem Faschismus folgen“. Die „PISAierung“ der Schulen, ihre Ausrichtung auf ausschließlich ökonomisch begründete Bildungsziele und das Kaputtsparen der öffentlichen Infrastruktur legen für diesen Autor genauso die Axt an das von der Aufklärung geprägte Menschenbild und den Zusammenhalt der Gesellschaft wie die Hasspredigten von Nationalisten und Rassisten.

Das ist die eine Seite mit vielen treffsicheren Beobachtungen und Kommentaren Richters zu Verwerfungen in Ostdeutschland samt nicht minder alarmierenden westlichen. Im besten Kapitel der knapp 100 Seiten über „Das Verhängnis einer unvollendeten Revolution“ 1989 in der DDR (als Vorabdruck zu lesen im Onlinemagazin Krautreporter), legt er überzeugend dar, wie untrennbar die innerdeutschen Schwierigkeiten beim Zusammenwachsen von Ost und West mit gesamtdeutschen und globalen Trends zu „zivilisatorisch rückwärtsgewandter Politik“ einschließlich Preisgabe der Menschenrechte verknüpft sind.

Umso mehr überrascht, dass sein Blick nach vorne so vage bleibt. Klar, die Befehlsform im Buchtitel bezieht Richter immer wieder auf arrogantes Herabschauen auf Pegida- und AfD-Anhänger. Politisch konkret wird der Autor aber nur beim Werben für eine gesamtdeutsche Verfassungsdebatte mit abschließender Volksabstimmung. Ansonsten bleiben die Appelle für „ein auf gegenseitiges Verstehen zielendes Hinhören“, „die auf Konsens und Kompromiss zielende offene Auseinandersetzung“ und „gesamtgesellschaftliches Brainstorming“ für „neue Ideen, Visionen und Ziele“ vakuumverpackt im luftleeren Raum.

Brennend gern würde man von diesem ausgewiesenen Experten mehr darüber wissen, was seine Wunschprinzipien im direkten Verhältnis zu der seit den Pegida-Demos stetig nach rechts gewanderten und stetig stärker gewordenen AfD bedeuten. Richter ist 2017 nach einem Vierteljahrhundert aus der CDU ausgetreten und kandidiert jetzt als Parteiloser für das Amt des Oberbürgermeisters in seiner Geburtsstadt Meißen. Beides erwähnt er auf diesen knapp 100 Seiten mit keinem Wort – und die AfD, in Sachsen bei Umfragen schon stärkste Kraft, nennt er höchst beiläufig als Auslöser von „Veränderungen der politischen Diskurslage“.

Aus den Überlegungen in eigener Sache wäre vielleicht mehr zu lernen gewesen als aus der auch sprachlich leicht verbogenen Aufforderung an „die dem Gemeinwohl verpflichteten Politiker (.), sich kooperativ zu verhalten und parteiische Interessen hintanzustellen“.