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Roman Alexa Hennig von Langes Roman „Kampfsterne“ / Gefeierte Pop-Literatin verfängt sich mit ihrem Schreibstil in Klischees / Oberflächliche Figurenzeichnung

Rastlose Sprache erschöpft sich selbst

Bonner Republik, eine Eigenheimsiedlung Mitte der 1980er Jahre: Das kleine Lexchen mit seinen „feuerroten Troll-Haaren“ und dem „sommersprossigen Puppengesicht“ wuselt durch einen Garten. Es ist eine scheinbare Idylle, in der Alexa Hennig von Lange ihren neuen Roman spielen lässt. Und wenn man die Beschreibung des Mädchens mit einem Foto der Autorin vergleicht, liegt der Schluss nahe, dass die Berlinerin mit „Kampfsterne“ gar in der eigenen Kindheit stöbert.

Die in den Anfangsjahren der Pop-Literatur gefeierte Hennig von Lange schreibt nach Jahren als Kinder-, Jugend- und Sachbuchautorin wieder einen Roman für Erwachsene. „Es fühlt sich an, als sei ich nach langer Reise nach Hause gekommen“, teilt die 45-Jährige auf Instagram mit. Mittlerweile hat sie fünf Kinder.

Herausgestellte Garstigkeit

„Kampfsterne“ beginnt mit Rita. In einer fein balancierten Hasstirade beobachtet sie Lexchen, den Nachwuchs ihrer Freundin Ulla: „Ich könnte durchdrehen beim Anblick dieses kleinen Mädchens, das nicht meine Tochter ist.“ Ein Fest: Rita in ihrer ganzen Empathielosigkeit. „Wäre ich ihr Mann“, sagt sie einmal über ihre etwas spröde Freundin, „hätte ich sie schon längst geohrfeigt und geschüttelt. Das macht er natürlich auch. Und dann kommt Ulla in ihren Männerstiefeln und Blessuren zu mir gerannt und weint sich bei mir aus. Oben, in meinem Zimmer. Auf meiner peruanischen Bettüberdecke.“

Mit dieser herausgestellten Garstigkeit kommt der Roman gleich auf Spur. Eine argwöhnische Mutter, die für den Nachwuchs über Leichen geht. Rita wäre eine fantastische Heldin. Ist sie aber nicht.

Denn leider entscheidet sich Hennig von Lange anders: Sie lässt alle Personen als wechselnde Ich-Erzähler gleichrangig zu Wort kommen – und kümmert sich damit um keine so richtig. Frauen wollen das Beste für ihre Sprösslinge, Väter sind Waschlappen oder gewalttätig, Kinder werden musisch geschult, doch zerbrechen an den Ansprüchen. Es werden Stereotype beschrieben, die an Ado-Goldkante und Palmolive-Hände erinnern lassen – als ob Werbespots je die Realität dargestellt hätten. Die Väter halten sich aus der Erziehung heraus, die Mütter – Hausfrauen mit Hang zu Designermöbeln und Museumsbesuchen – verbringen ihre langweiligen Tage wahlweise mit Intrigen oder Partys.

Sprachlich hält Hennig von Lange an ihrem bekannten Ton fest. Wer heute noch einmal in ihrem hochgelobten Debüt „Relax“ blättert, wird schnell merken, wie anstrengend dieser Popliteratur-Duktus schon immer war: ein ewiger Bewusstseinsstrom aus kurzen Stakkato-Sätzen. Doch passte dieser Stil zum Zeitgeist am Ende der 1990er. Die jungen Protagonisten waren im Pillenrausch, das moderne Leben wurde immer rastloser. Die Direktheit war ein Protokoll des Ist-Zustands.

In „Kampfsterne“ aber sind die harten Drogen passé. Alkohol heißt, wenn es hoch hergeht, das neue Rauschmittel („der letzte übrig gebliebene Geschmack meines intellektuellen Lebens“). Noch immer schießen die Sätze wie Salven durch das Buch. Doch damit plappern die Figuren ohne Tiefgang und bleiben mit ihren kurzen Einfällen weitestgehend blass. Zum Beispiel entwickelt der Leser weder Mitleid mit Constanze, die vom Nachbarsjungen vergewaltigt wird, noch Wut auf deren Mutter, die den Vorfall als „Herumgesexe“ abtut.

„Kampfsterne“ hätte eine gute Satire auf Helikopter-Eltern werden können. Dazu müsste man aber den Klischees widerstehen. Am Ende taumelt der Roman auf ein rasantes Finale zu. Wenn dann aber eine plötzlich auftauchende Macht eingreifen muss, scheint es ein wenig, als habe selbst die Autorin keine Lust mehr auf Rita, Ulla und Co. gehabt.