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Sachbuch Frauenrechtlerin Alice Schwarzer porträtiert mit „Meine algerische Familie“ ein Land zwischen überkommenen Traditionen und Aufbruch

Schleier und Stöckelschuhe in Algerien

Man ist schon überrascht: Deutschlands bekannteste Frauenrechtlerin Alice Schwarzer fühlt sich als Teil einer nordafrikanischen Großfamilie. Und die Chefin des feministischen Magazins „Emma“ wirft sich auch schon mal „laut jammernd aufs Bett“ und rauft sich die Haare, wenn sie nicht weiß, was sie anziehen soll. Schauplatz ist Algier. Eine Hochzeit steht an und der Gast aus Köln hat nur ein einziges Abendkleid in der Reisetasche. „Die Braut aber wird sieben Kleider tragen. Hintereinander. Und alle weiblichen Gäste mindestens fünf.“ Mit dieser Szene beginnt das neue Buch der Autorin „Meine algerische Familie“ – eine Art Doppelporträt.

Das Schicksal des größten afrikanischen Landes steht im Mittelpunkt. Es geht um religiöse Radikalisierung, Kopftuch, Koran, islamistische Bedrohung und eine „wackelige Demokratie“. Die befreundete Journalistin Djamila hat Schwarzer eingeführt in ihre Großfamilie. Djamilas Großvater, nicht untypisch, hatte neun Frauen. Ihre Mutter wurde mit 15 Jahren verheiratet, war verschleierte Analphabetin. Djamilas Nichten mögen Stöckelschuhe.

„In den drei Generationen dieser Familie zwischen Tradition und Moderne spiegelt sich die dramatische Geschichte des Landes“, sagte Schwarzer kürzlich der Deutschen Presse-Agentur. Authentisch und spannend am neuen Schwarzer-Titel: Die Familienmitglieder kommen selbst im O-Ton zu Wort. Djamila: „Heute sind Alkohol und Kopftuch die Zeichen, an denen wir Algerier uns erkennen. Jeder, der noch in Gegenwart anderer trinkt, ist mit Sicherheit kein Islamist.“ Einer ihrer Brüder räumt ein, er habe beim ersten Anlauf zu freien Wahlen 1991 noch die Islamisten gewählt. Schwarzer porträtiert Land und Familie zugleich. Ein Neffe spricht über die möglichen „1001 Interpretationen“ des Koran, das Tabuthema Sex und Gewissensfragen. Und übrigens, noch zu ihrer leiblichen Familie: Alice Schwarzer wuchs bei ihren Großeltern in Wuppertal auf – es war eine Kindheit ohne Vater und mit einer Mutter, die sich rar machte.