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Ausstellung Mannheimer Port 25 und Kunstverein Ludwigshafen präsentieren in „Considering Finland“ Künstler aus dem nördlichsten Land der EU

Skandinavische Perspektiven

Ein Hut aus Weide? Wie anmutig eine Trägerin damit aussehen kann, zeigt ein Foto im Kunstverein Ludwigshafen, das Riitta Ikonen und Karoline Hjorth aufgenommen haben. Das Exponat gehört zur Ausstellung „Considering Finland“, ein Titel, den man mit „Finnland in Betracht ziehen“ übersetzen kann. Und wer sich das Land im Norden Europas „betrachtet“, wird an die großen Wälder, die roten Hütten und die zahlreichen Schären vor der Küste denken. Und daran, wie still Natur und Mensch sich hier begegnen.

Doch zurück zum Kunstverein: Die Ausstellung, die ausschließlich der Fotografie gewidmet ist, führt an zauberhafte Orte. Angefangen mit der älteren Hutträgerin, die wie eine Märchengestalt dem Betrachter entgegen lächelt, bis zu den Schwarz-weiß-Fotografien von Anna Reivilä, die nicht nur ihre Objekte, sondern auch uns umgarnt. Sie knüpft Seile, legt sie um Bäume oder umschnürt Steine, als wolle sie die Natur beschützen. Wie wunderbar die Schöpfung ist, macht auch Sanna Kannisto mit ihren Fotografien von Vögeln auf Zweigen bewusst. Per Video kann man zusehen, wie sie mit Hilfe von Ornithologen die Tiere in ihr tragbares Fotostudio lockt.

Das Meer in der Jackentasche

Der Kunstverein, der für die Schau mit dem Mannheimer Ausstellungshaus Port 25 kooperiert, hat sich ganz und gar auf das Thema Natur eingelassen. Und das mit einer Stille und Behutsamkeit, die auch bei Jaakko Kahilaniemi spürbar ist. Er allerdings dokumentiert minuziös junge Pflänzchen und spürt einem Ökosystem nach, das Ilkka Haslo radikal überzeichnet. Auf seinen Bildern sind in großen Hallen ganze Wälder hinter Gittern oder Steinbrocken in Regalen zu sehen – und also nur noch eine Erinnerung. Was das Erinnern mit uns macht, zeigt ebenso Mikko Rikala. Vor einer Auslandsreise hat er seine Fotografie vom Meer in die Jackentasche gesteckt. Immer wieder hat er „Sea in my Pocket“ gefaltet, bis die Darstellung verblasste und zur Metapher für Verändern und Verschwinden wurde. Wie sehen die Schären-Bewohner ihre Zukunft? Eine Frage, die ihnen Tallervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen stellten und die auf ihrem Videofilm mit ironischen und skurrilen Vorstellungen beantwortet wird.

Eigentlich ist der Übergang vom Thema Natur zum Menschen hier schon angezeigt. Aber in Mannheim, im Port 25, richtet man bewusst den Blick auf das menschliche Leben in all seinen Facetten. Was Liu Susiraja in ihren fotografischen Selbstbildnissen der Vorstellung von schöner Weiblichkeit so gründlich wie mutig entgegensetzt, fordert geradezu eine Selbstbetrachtung heraus. Wie anders Männer sich sehen, wie sie ihren Penis in hochstehenden und überdimensionalen Futteralen zeigen, Dickleibigkeit oder Alter zum Trotz, sollte auch bei Kenneth Bamberg zur Diskussion führen. Das alles zeigt in spannender Weise, welchen Stellenwert die Sexualität einnimmt und was die Gesellschaft zu fordern scheint. Zugespitzte, verführerische Posen von Aurora Reinhard vergegenwärtigen in ihren Selbstbildnissen ein Korsett, in das Frauen sich durch Konventionen zwängen lassen. Selbstinszenierung heißt auch das Zauberwort bei Elina Brotherus.

Künstliche Intelligenz gewinnt

Sie setzt auf stille Weise die Fantasie des Betrachters in Gang, macht ihn zum Voyeur, indem sie sich durch Fenster und Spiegel beobachten lässt. Pilvi Takala geht noch einen Schritt weiter. Sie berührt fremde Menschen und übertritt eine Verhaltensregel, auf die höflich oder abweisend reagiert wird, zu sehen im Filmraum. In einem kleinen Kabinett fragt Nestori Syrjälä, wie es wäre, wenn der Mensch gar nicht mehr vorhanden wäre.

Die Lichtquelle aus einem Laptop, und der Topf mit einem Bohnensämling bilden seine Skulptur. Nur das Licht bescheint die Pflanze – und lässt sie laut dem Titel „Grow Light“ wachsen. Die künstliche Intelligenz hat sich durchgesetzt. Aber glücklicherweise ist das noch keine Dokumentation unseres Alltags.