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Literatur Die Germanistin Sigrid Damm schreibt ein Buch über ihre Familie / Nebenbei erfährt der Leser viel über zeitgeschichtliche Umstände in Deutschland

So anschauliche wie lebendige Sprache

Archivartikel

Viele kennen Sigrid Damm als Autorin kluger Bücher über die deutsche Klassik. Nun hat sich die Literaturwissenschaftlerin einem ganz anderen Thema gewidmet: ihrer eigenen Familie. „Im Kreis treibt die Zeit“ ist keine Autobiografie geworden, auch wenn viele oft sehr persönliche Erinnerungen der inzwischen 77-jährigen Autorin im Mittelpunkt stehen. Es ist mehr eine Spurensuche, eine nachdenkliche Beschäftigung mit den eigenen Wurzeln.

Und es ist noch viel mehr als all das: „Im Kreis treibt die Zeit“ erzählt auch die Geschichte des 20. Jahrhunderts exemplarisch, über Anpassung und Auflehnung in der Diktatur der Nazizeit, über Krieg, Angst und Orientierungslosigkeit und das Leben in der DDR und im wiedervereinten Deutschland.

Schwieriges Verhältnis zu Eltern

Und weil Sigrid Damm nicht nur bei der Beschäftigung mit ihren literarischen Fixsternen wie Goethe oder Schiller keinen akademischen Dünkel pflegt, sondern anschaulich und lebendig schreibt, ist auch ihr neues, bei Suhrkamp erschienenes Buch eine so angenehme wie leichte Lektüre.

Dabei geht es oft um ernste Themen, das schwierige Verhältnis der Autorin zu ihrem Vater zum Beispiel. „Er taugt nichts“, lautet das Urteil seines Schwiegervaters, das Sigrid Damm heimlich lauschend als Fünf- oder Sechsjährige aufschnappt, als die Mutter mit ihren Eltern über Scheidung redet. Immer wieder gibt es Streit. „Jeder war auf seine Weise unglücklich“, schreibt Sigrid Damm über ihre Eltern. Ihre Mutter stirbt 1991, der Vater zwei Jahre später. Sigrid Damm fragt sich, wie ihr Vater wohl als junger Mann gewesen ist.

Schonungsloser Bericht

Sie blättert in alten Dokumenten, beugt sich über vergilbte Fotos, findet Unterlagen über seine Grundschulzeit vor dem Ersten Weltkrieg, über seine Lehre, die er 1918 beginnt, in einer Bank mit jüdischem Besitzer. Wie war das in der Nazi-Zeit, als ihr Vater Mitglied der NSDAP wurde – war er ein Mitläufer oder ein Überzeugungstäter? Ein Antisemit war er nicht, ist sich die Tochter sicher.

Und als er nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst in der Amerikanischen Zone gelandet ist, wäre er am liebsten dort geblieben – erst 1948 geht er zurück nach Gotha (Thüringen), seiner Familie zuliebe. Jahrzehntelang wird er immer wieder klagen, er hätte im Westen bleiben sollen. Die Tochter wünscht sich, er möge verschwinden und hofft, die Eltern würden sich tatsächlich scheiden lassen – auch das eine Tragödie. Sigrid Damm erzählt davon schonungslos und offen, genau wie von der langsamen Annäherung an den Vater als alten Mann.

Und vom schwieriger werdenden Verhältnis zur Mutter, die sich mit den Jahren immer verbitterter und schließlich auch körperlich aggressiv verhält – die Eltern finden nicht mehr zueinander: „zwei Menschen, die sich gegenseitig lahmlegten, ihre Lebensenttäuschungen aneinander ausließen“.

„Die Beschäftigung der Kinder mit dem Leben der Eltern findet immer erst statt, wenn keine Fragen mehr möglich sind“, schreibt Sigrid Damm bedauernd. Aber von den Fragen, die sich ihr gestellt haben, hat sie erstaunlich viele noch beantwortet.