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Weinheim Beatclub-Moderatorin Uschi Nerke und die „Flower Power Men“ entführen in die 60er-Jahre

Soundtrack eines Lebensgefühls

Archivartikel

Am 25. September 1965 war es soweit: Tagesschausprecher Wilhelm Wieben kündigte im Deutschen Fernsehen die erste Live-Sendung „mit jungen Leuten für junge Leute“ an. Der „Beat Club“ flimmerte zum ersten Mal über die deutschen Schwarz-Weiß-Bildschirme, und ein 21-jähriges Mädchen mit dunkler Mähne und einem Minirock, der nicht kürzer hätte sein dürfen, kündigte frisch und wortgewandt Weltstars wie Barry Mc Guire, Albert Hammond, Bands wie die Bee Gees oder die Gruppe mit dem unaussprechlichen Namen „Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich’“ an.

Für deutsche Eltern war eine Art Revolution ausgebrochen, und mittendrin die junge Architekturstudentin Uschi Nerke, mit der man bald den Begriff „Kultmoderatorin“ verband. 53 Jahre später trägt die gebürtige Sudetendeutsche zwar keine Miniröcke mehr, die schwarze Mähne ist etwas dünner geworden, die Stimme etwas rauchiger, jedoch das Mädchenhafte verkörpert sie immer noch. Davon konnten sich am Samstagabend im Schlosshof die Zuschauer überzeugen, die sich vorwiegend aus den ehemaligen „Halbstarken“ der 60er-Jahre zusammensetzten.

Mit dem Beatclub-Jingle betrat Uschi Nerke in schwarzer Hose und Glitzer-T-Shirt die Bühne und nahm ihr Publikum mit in eine Zeit, als noch Liebesbriefe statt E-Mails geschrieben wurden. Mit zahlreichen Anekdoten über ihre Begegnungen mit Kult-Bands wie der Spencer Davis Group, den Beachboys oder „The Mamas & The Papas“ schwärmte Uschi Nerke von einer Zeit, die viele Zuschauer, laut ihrer Kommentare, als ihre schönste bezeichneten. Doch die Ansagen der ehemaligen Beatclub-Moderatorin betrafen an diesem Abend einzig und allein zwei Vollblutmusiker, die sie 2014 auf einer Kreuzfahrt als „Flower Power Men“ kennen lernte. „Ich war restlos begeistert, wie die beiden wahrhaft virtuosen Gitarristen und Sänger sämtliche Kulttitel der 60er-Jahre rauf und runter interpretierten.“

Zwei großartige Sänger

Als sie die beiden Musiker fragten, ob sie sich anlässlich des 50. Geburtstages der Beatclub-Ausstrahlung einen gemeinsamen Auftritt mit ihnen vorstellen könnte, überlegte sie nicht lange. Tatsächlich hatte Nerke mit ihrer Beschreibung nicht übertrieben. Denn die Zuschauer erlebten zwei großartige Sänger und Instrumentalisten, die das Lebensgefühl der wilden 60er mit Love, Peace und Rock’n’Roll verkörperten. Es gab keinen Star und keine Band aus dieser Zeit, die Adax Dörsam und Rainer Schindler nicht mit Inbrunst und Spielfreude zelebrierten und dabei stets mit ihrem eigenen unverwechselbaren Stempel versahen.

Mit Schreien und Pfiffen der Begeisterung wurde der Soundtrack eines Lebensgefühls honoriert, die Stimmung im Schlosshof kochte. Ob bei dem überaus melodisch interpretierten Simon & Garfunkel-Medley, dem „Poor Boy“ der Lords oder Barry Mc Guires Weltuntergangs-Song „Eve of Destruction“: Die Flower Power Men verwandelten jeden Titel in ein musikalisches Kunstwerk, was zum einen an der Vier-Oktaven-Stimme von Rainer Schindler lag, zum anderen an den individuellen Gitarrenarrangements von Adax Dörsam.

Eine Zuschauerin brachte es auf den Punkt: „Wofür manche Sänger oder Gruppen einen Lkw für Equipment und Technik benötigen, gelingt es hier zwei Stimmen und zwei Gitarren, einen fast orchestralen Sound zu erreichen und ein ganzes Gesangsensemble zu ersetzen.“ rav