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Literatur Linn Ullmann, Tochter von Liv Ullmann und Ingmar Bergman, beschäftigt sich in ihrem Roman „Die Unruhigen“ mit ihrem Verhältnis zu den berühmten Eltern

Star-Regisseur als überforderter Vater

Archivartikel

Linn Ullmann ist als Scheidungskind weltberühmter Eltern groß geworden. In „Die Unruhigen“ erkundet sie die Sommerwochen bei Ingmar Bergman und die Restzeit bei der ewig hadernden Liv Ullmann. Bis der Vater als seniler alter Mann stirbt. Die Mutter nennt das Buch zurecht ein Meisterwerk.

„Ich hätte gern ein Buch ohne Namen geschrieben. Oder ein Buch mit sehr vielen Namen. Oder ein Buch, in dem alle Namen so alltäglich sind, dass man sie auf der Stelle vergisst“, schreibt sie zu Beginn ihres sechsten Romans in einer glasklaren Sprache und nennt die berühmten Namen sowie auch den eigenen nicht ein einziges Mal.

Alle Welt kennt den Rahmen: Der große Ingmar Bergman und die schöne Liv Ullmann, verliebten sich bei den Dreharbeiten zu „Persona“ 1965. Die Tochter kam ein Jahr später zur Welt und konstatiert über ihren damals 48-jährigen Vater: „Ein Kind mehr oder weniger. Er hatte acht aus früheren Beziehungen und war als dämonischer Regisseur und als Schürzenjäger bekannt.“

Die Beziehung zur 21 Jahre jüngeren Mutter hielt, bis die Tochter drei war. Zu den Vereinbarungen des Ex-Paares gehörten jedes Jahr ein paar Sommerwochen für Tochter Linn beim Vater auf der Ostseeinsel Fårö, wo der Filmemacher 2007 gestorben ist. Ansonsten aber lebte auch dieses jüngste aller Bergman-Kinder bei der Mutter. Eine endlose Reihe von Kindermädchen zieht sich durch das Buch, wenn die Schauspielerin wieder zu Engagements in Oslo, New York oder Los Angeles unterwegs ist.

Die Tochter wird vor Sehnsucht halb verrückt. Linn Ullmann erinnert sich im Buch an ihre Jahre als 11- bis 15-Jährige, erst als vollkommen bedingungslos liebendes Kind, dann als Teenager mit langsam weiterem Horizont auf der Suche nach einem Zuhause. Eine Herkulesarbeit ist das beim entrückten, mit unverrückbar festem Stundenplan am Künstlertum arbeitenden Vater und der ewig unsicheren, mit sich hadernden, auch in den eigenen vier Wänden schauspielernden Mutter. Ein durch raffinierte Montagen und den zurückgenommenen, dabei aber treffsicheren Grundton vollbrachtes Kunststück des Buches ist die Kombination der eigenen kindlichen Perspektive auf die nie gemeinsam erreichbaren Eltern mit dem erwachsenen Blick auf beide als Persönlichkeiten für sich. Wärme und das Streben nach Klarheit durch kühle Beobachtung widersprechen einander hier nicht.

Zwischen Wahrheit und Fiktion

Der hochinteressante Teilzeit-Vater kommt ungleich besser weg als die immer mit den schnöden Alltagsproblemen kämpfende Vollzeit-Mutter. Er bekommt auch viel mehr Platz. Denn Auslöser für dieses Erinnerungsbuch war ein gescheitertes Projekt der erwachsenen Tochter mit dem betagten Bergman: Er wollte über das Altwerden als harte Arbeit schreiben, fühlte sich aber schon zu schwach und vereinbarte eine Interviewserie mit der als Autorin selbstständig etablierten Linn. Vom Scheitern auch dieses Vorhabens, weil Bergman einfach zu schnell weiter abbaute, bis zu seinem Begräbnis auf Fårö erzählt die Tochter im Wechsel mit den Kindheitsgeschichten und gibt Dialoge im Wortlaut wieder.

Das bringt einen gänzlich anderen Blick auf das Eltern-Kind-Verhältnis mit dessen fast zunehmender Umkehrung. Genial erzählt sie die Geschichte von einer Bruchstelle: Als Linn mit 30 in Oslo frisch geschieden und der Vater mit knapp 80 verwitwet ist, lädt der die Tochter nach Stockholm zum Heilig Abend ein, den er eigentlich nie feiert: „Eine Woche zuvor hatten Papa und ich telefoniert und waren im Gespräch über die Einsamkeit des jeweils anderen gestolpert.“

Ist alles so passiert oder auch im Genre Autofiktion ausgedacht? Linn Ullmann hat in vielen Interviews unterschiedlich geantwortet: Sie habe sich nach Kräften angestrengt, immer „wahr“ und getreu der eigenen Erinnerung zu schreiben. Aber wann und wie sei Erinnerung wahr? Einiges sei auch erfunden. Mutter Liv sagte nach Erscheinen des Originals: „Manches ist erdichtet, manches ist Lüge. Und eine ganze Masse ist Wahrheit.“

Im Buch hat sich die Tochter auf solche Anwürfe schon gewappnet: „In Wahrheit kann man nicht sonderlich viel über das Leben anderer Menschen wissen, und erst recht nicht, wenn diese Eltern es darauf angelegt haben, ihr Leben in Geschichten zu verwandeln, die sie anschließend mit einer begnadeten Fähigkeit dafür erzählen, sich nicht im Geringsten darum zu scheren, was wahr ist und was nicht.“