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Literatur Eine jetzt erschienene Sammlung von Artikeln und Beiträgen des Publizisten und Journalisten Friedrich Luft (1911-190) wirkt ungeahnt aktuell

Theaterkritiker als Beobachter seiner Zeit

Archivartikel

„Er steht an den Straßenecken des Daseins und beobachtet den wirren Lauf der Dinge“ und sieht „den Zeitgenossen prüfend ins Gesicht“. So beschrieb der später als Berliner Theaterkritiker berühmt gewordene Zeitungs- und Rundfunkjournalist Friedrich Luft in den ersten Nachkriegsjahren nach 1945 seine Aufgabe als berufsmäßiger Flaneur und Theatergänger in seinen Feuilletons mit den Alltagsbeobachtungen.

Später kamen Reisebeobachtungen in Paris, Schottland und Amerika sowie kleine philosophische und gesellschaftspolitische Betrachtungen hinzu, eine Art des „poetischen Stenogramms“, wie es Wilfried F. Schoeller im Nachwort des jetzt erschienenen Sammelbandes nennt („Friedrich Luft – Über die Berliner Luft“, Die Andere Bibliothek). Schoeller konnte sich vor allem auf das Friedrich-Luft-Archiv der Berliner Akademie der Künste stützen.

Kritik an politischem Desinteresse

Dabei erscheinen manche Zeitbetrachtungen von Luft zeitlos oder sogar aktuell, so wenn er zum Beispiel eine „zweite Emigration nach innen“ der Deutschen nach dem Krieg (1947) beklagt. Politik werde den Politikern überlassen. Ein neuer, „heimlicher Ekel vor der Beschäftigung mit dem Gemeinwohl“ sei zu spüren. Gleichzeitig würden in der öffentlichen Auseinandersetzung Mittel angewandt, „die man überwunden zu haben glaubte“, Kesseltreiben auf einzelne gebe es. „Dem Mann in der nachbarlichen Partei einen Flecken auf den Charakter zu praktizieren, scheint oft wichtiger als die Auseinandersetzung mit seiner geäußerten Meinung.“

Aber der damalige Medienstar mit Mikrofon und Schreibmaschine (die sonntägliche „Stimme der Kritik“ im Rias, dem Rundfunk im amerikanischen Sektor in Berlin) nahm auch sein Metier unter die kritische Lupe. Seine Fragestellung „Wer kann noch lesen“ von 1975 scheint ja inzwischen ein Dauerbrenner in den kulturpolitischen Debatten zu sein, erneut verschärft natürlich durch das Internet. Das „richtige Lesen“ komme offenbar aus der Mode und manche der sogenannten populären Zeitungen scheinen „von Analphabeten für Analphabeten“ gemacht, spitzte der Kritiker mit bitterem Unterton zu. Die Leute würden nur noch „in kleinen Happen“ lesen – wohlgemerkt 1975!

Und unversehens folgte damals ein leidenschaftliches Plädoyer für das Bücherlesen „alter Schule“, verbunden mit Erinnerungen an frühe prägende Lektüreerlebnisse, von Goethes „Werther“ bis Fontanes „Stechlin“. Er glaube zwar nicht daran, „daß wir es, dem Fernsehen hörig, dem Film verfallen, dem Radio...also daß wir das Lesen darüber verlernen könnten“. Aber die ungemein wichtige und fruchtbare Lernerfahrung könnte in Vergessenheit geraten, „daß wir mit den Büchern, die wir haben, den Geist, das Elend, die Erfahrungen und das Glück von Jahrhunderten jederzeit...abrufen können“.

Dagegen gebe es eine Flut des öffentlichen Palavers mit Prominenten-Diskussionen und Gesprächen am Runden Tisch, alles müsse „ausdiskutiert“ werden. Obwohl die Deutschen „ein rhetorisch ungelernter und zur Kunst der Diskussion kaum begabter Völkerstamm“ seien, scheinen sie geradezu diskussionssüchtig geworden, merkte Luft schon 1963 an, als von den inflationären TV-Talkshows noch keine Rede war.

Vorbild für die heutige Zeit

Wer also meint, was habe uns ein Theaterkritiker „von anno dunnemals“ heute schon zu sagen, wird überrascht sein über das gesellschaftspolitisch öffentliche Nachdenken dieses Feuilletonisten. Er hat, wenn auch auf einem nicht ganz so anspruchsvollen Niveau, einen Frank Schirrmacher, Wolf Jobst Siedler oder Joachim Fest vorweggenommen und kann den heutigen professionellen Theater- und Medienmenschen ein Vorbild sein.

Friedrich Lufts Essays und Gedanken zu Kultur, Politik und Gesellschaft offenbaren eine erstaunliche Aktualität; sie lohnen auch heute die Lektüre dieser Prosaminiaturen eines Zeitgenossen, der mit seinen scheinbar nebensächlichen Plaudereien ein Panorama der Zeit abbildete und damit gleichsam die große Welt im Kleinen spiegelte.