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Literatur Der Philosoph und Bestsellerautor Wilhelm Schmid legt ein tiefgründiges Buch über den gelingenden Umgang mit sich selbst vor

Vom Glück, sein eigener Freund zu sein

Archivartikel

Irgendwann im Laufe des Tages guckt jeder in den Spiegel. Was empfindet er oder sie dabei? Welches Gefühl bestimmt den Blick aufs eigene Ich? Der Bestsellerautor Wilhelm Schmid („Gelassenheit“, „Glück“) rät dazu, sich selbst in möglichst vielen Situationen mit Freundschaft zu begegnen. Und so heißt denn auch sein neues Buch: „Selbstfreundschaft“.

Insgesamt hat das Beschäftigen mit der eigenen Person Hochkonjunktur. Es gibt klassische Ratgeberbücher dazu, Seminare, Psychotests. Einige Experten betonen: Die Frage „Wer bin ich?“ sei existenziell und stehe am Anfang des abendländischen Denkens. Andere bekritteln, heute dominiere die eitle Selbstbespiegelung. Dass die Beschäftigung mit dem Ich eine komplizierte Sache ist, weiß Schmid.

Ähnlich wie in vielen seiner Werke möchte der Philosoph die Sache dennoch möglichst lebenspraktisch angehen: „Mich beunruhigt, dass es mittlerweile von überallher heißt, man müsse sich selbst lieben. Zugleich beklagen viele den wachsenden Narzissmus in unserer Gesellschaft“, erläutert der Autor im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur und fragt: „Kann es sein, dass die Selbstliebe die schiefe Ebene ist, auf der wir unmerklich in einen übertriebenen Narzissmus abgleiten? Selbstfreundschaft könnte die Alternative dazu sein.“

In dem kleinen, kompakten Buch beschreibt der 65-Jährige, warum er den vielgehörten Appell „Liebe dich selbst!“ kritisch sieht. Und warum er eher für eine entspannte Selbstreflexion plädiert, gepaart mit der einer freundschaftlichen Haltung, um sich das Leben zu erleichtern. „Es ist wie mit dem Unterschied zwischen Liebe und Freundschaft: Die Selbstfreundschaft ist etwas nüchterner als die Selbstliebe, erwartet vom Selbst keine Perfektion und ermöglicht mehr Distanz, um nachsichtig und manchmal auch selbstironisch mit sich umzugehen“, meint Schmid.

Nachdenklich-analytische Aspekte

Sein Essay enthält zwar keine Folge von Praxis-Übungen für mehr Selbst-Achtsamkeit, aber hie und da schon ein paar Tipps. Insgesamt dominieren nachdenklich-analytische Aspekte, kombiniert mit leicht verständlichen philosophischen Einschüben. Wobei es Schmid stark darum geht, den Menschen nicht als egoistischen Einzelkämpfer, sondern als soziales Gruppenwesen zu beschreiben.

Und hier erlaubt sich der Autor am Ende einen kurzen, utopischen Ausblick: Schmid räsoniert über die Möglichkeit, dass statt des selbstherrlichen Narzissmus in Zukunft ein vernetztes Ich die Richtung vorgibt: Selbstbewusste Menschen, die sensibel auf andere hören und auf sie eingehen, könnten eine neue Art des Zusammenseins erleben und gestalten.