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Weinheim Achte Woinemer Lokalrunde benennt bei der Premiere ihres Programmes „Just in Time“ nicht nur Weinheims Plagen wie OB-Losigkeit und Baustellenschwemme

Vom „totalen Stau“ nicht zu bremsen

So ein Dilemma bei der Premiere der achten Woinemer Lokalrunde am Samstag im ausverkauften Keller der Hausbrauerei: Da fehlt doch glatt für den traditionellen Bockbieranstich ein amtierender Oberbürgermeister, und Torsten Fetzner, der kommissarische OB, lässt sich nicht erweichen. In seiner Not bittet Hausherr Jochen Hardt Weinheims bekanntesten Bayer um Hilfe. Für Kinobetreiber und bekennenden Weintrinker Alfred Speiser ist es zwar der erste Fassanstich, doch dafür stellt er sich erstaunlich gut an. Der goldene Gerstensaft floss unter Musik des Akkordeonisten Tom Ritter in die Krüge.

Der Bockbieranstich war zwar gerettet, nicht jedoch die Weinheimer selbst, die bis auf weiteres führungslos durch ihre Stadt irren und dazu noch nach einem Ausweg suchen, die Großbaustelle in der Mannheimer Straße zu umfahren. Dieser und vieler anderer Weinheimer Plagen nimmt sich die Lokalrunde mit Katja Hoger, Sabine Wunder, Barbara Heinrich, Wolfgang Kunze und Holger Mattenklott in ihrem neuen Programm „Just in Time“ an. Gemünzt ist der Titel auf OB-Wahlsieger Manuel Just und seine Zeit in Hirschberg, deren Dauer – bis auf Weiteres – ungewiss bleibt.

Auch die Zukunftswerkstatt von Professor Wolfgang Kunze bringt nur haarsträubende Ergebnisse. Gebeamt ins Jahr 2023 ist Just längst in Berlin, um als Parteiloser die SPD zu retten und der „liebreizende“ Stadtrat Schummler (Holger Mattenklott) ist die rechte Hand von Oberbürgermeisterin Fridi Miller. Ein Horror-Szenario, das noch von den Immobilienpreisen getoppt wird.

„Fridi, Freudi, Eierkuchen“

Auch in der Gegenwart kann von „Fridi, Freudi, Eierkuchen“ keine Rede sein. Das meint zumindest Wolfgang Kunze, der, bevor er den kritischen Kommentator, Moralist und Aufklärer gibt, auf eine Kiste steigt, um auch mal über den Rand seines Rednerpultes zu blicken. „Besser auf der Kiste stehen, als darin liegen“, so der „nette“ Kommentar des Kollegen Mattenklott.

Wehmütig und kritisch blickt Kunze auf die „Heiner-Zeit“ zurück. „Musste der als letzte Amtshandlung noch die Windeck verscherbeln?“ Auch in der Stadthalle sei ja schon lange der Wurm drin – neuerdings sogar der „Holzwurm“.

Für Weinheim, die Baustellen-Hochburg, stehe bald das nächste Großprojekt mit der Karlsberg-Passage an. „Wenigstens bleibt das Hirn fit, wenn man sich jeden Tag einen anderen Fahrweg überlegen muss.“ „Wollt Ihr den totalen Stau?“ brüllt Kunze.

Da heißt es: Immer schön cremig bleiben oder zur Entspannung die Sauna im Miramar besuchen. Dazu aus dem Fundus der „Neuen Deutschen Welle“: „Onanie unter Palmen, Penetration bei 60 Grad.“

Nach so viel schwarzem Humor folgt die leichte Unterhaltung mit „Mausi und Bärchen“, die sich wegen einer gewissen „Alexa“ in die Wolle kriegen. Während Mausi (Katja Hoger) von Elyas M’Barek und seinem Sixpack schwärmt, verfällt Bärchen (Holger Mattenklott) der künstlichen Intelligenz von Alexa und träumt von einer Karriere als männliches Curvy-Modell. Bei dieser Vorstellung fließen Lachtränen.

Den fünf Kabarettisten gelingt erneut das perfekt abgeschmeckte Cuvée aus harmlosen Witzen, scharfen Dialogen und hintergründigen Songs. Und immer spielt die Zeit eine Rolle, selbst in den Videos, die in den Umbauphasen eingeblendet werden. Da läuft die Uhr auch mal rückwärts und bringt das Quintett zurück in die Hippiezeit.

Auch die obligatorische Gemeinderatssitzung darf nicht fehlen, wenn „Herr Dr. Dr. Meyer Landruth“ (Wolfgang Kunze) vergeblich versucht, den unerbittlichen Wortwechsel zwischen der zickigen Frau Dr. Silberstreif (Katja Hoger) und dem prolligen Stadtrat Schummler (Holger Mattenklott) zu schlichten. Während sich Fräulein Grünchen (Barbara Heinrich) um das OB-lose Rathaus sorgt, versucht die Computer-Koryphäe (Sabine Wunder) im Sari mit dem unaussprechlichen, indischen Namen den Stadtrat-Kollegen die digitalen Medien nahezubringen. Doch der prollige Schummler benutzt sein Tablet weiter für seine Butterbrezeln. Dem künftigen, leider nicht anwesenden, Oberbürgermeister müssen die Ohren geklingelt haben, als das gesangs- und tanzfreudige Quintett zum Schluss „Das Lied von Manuel“ anstimmte und ihn die „Hirschberger Heulsusen“ beweinten. Für Texte, Choreografie, Songs und Videos zeigt sich Sabine Wunder, frisch angetraute Ehefrau von Holger Mattenklott, verantwortlich. Hinter den Kulissen steuert der 18-jährige Max Hardt die Technik und unterstützt den Akkordeonisten Tom Ritter auf dem Cajon.

Die Woinemer Lokalrunde präsentiert sich in ihrem neuen Programm, das im zweiten Teil noch deutlich an Fahrt zunahm, hochaktuell in einer explosiven Mischung aus Comedy, Kabarett, Musik und Tanz. Nicht zuletzt ist es die große Spielfreude der fünf Akteure, die auf das Publikum übergeht und mit frenetischem Applaus bedacht wird.