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Novembergespräche Familientherapeutin Katja Leifeld referierte über Erziehungsfragen

Von Eltern wird immer mehr verlangt

Bergstraße.Die Eltern heute leisten Pionierarbeit. „Wir sind die erste Generation, die ihre Kinder in der Welt der Neuen Medien erzieht“, erklärte Katja Leifeld, Diplom-Psychologin, Familientherapeutin und selbst Mutter zweier schulpflichtiger Kinder. „Es gibt keine Erfahrungen, auf die man zurückgreifen kann.“ Nicht nur das: Der Komplex Neue Medien mit seinen Herausforderungen muss quasi nebenbei mitlaufen in einer Zeit, in der sich die Rahmenbedingungen für Familie und Erziehung rasant verändern.

Leben in Hochgeschwindigkeit

Die Digitalisierung verleiht dem Leben in allen Bereichen – ob beruflich oder privat – Hochgeschwindigkeit. Familienbild und Rollenverteilung haben sich gewandelt, das System Familie ist kleiner geworden, gleichzeitig soll unter diesen Umständen die Erziehung perfekt sein.

Diese aus entgegengesetzten Richtungen wirkenden Kräfte führen zu „Eltern am Limit“, wie Katja Leifeld ihren Vortrag im Rahmen der Novembergespräche der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche des Kreis Bergstraße betitelte. Rund 50 Zuhörer hatten sich eingefunden zu dem einstündigen Referat in den Räumlichkeiten der Beratungsstelle in Bensheim.

Wie kommen „Eltern am Limit“ raus aus der Sackgasse, in der sie sich in Erziehungsfragen mehr oder weniger häufig hinein manövrieren beziehungsweise manövriert werden? Einen Königsweg oder ein Patentrezept hatte Katja Leifeld nicht im Gepäck. Erziehung sei bunt, vielfältig, individuell und nicht perfekt, sagte sie. „Es gibt kein richtig oder falsch.“

Aber man sollte sich – in der Sackgasse angekommen – nicht sofort auf die Suche nach Lösungen begeben, riet die Expertin aus Frankfurt. „Nicht mit Vollgas weiterfahren, das erzeugt neuen Stress und weiteren Druck.“ Sondern? „Die Chancen der Sackgasse nutzen.“ Das bedeutet: Innehalten, die Stopp-Taste drücken, dem eigenen Stressmuster entgegenwirken, einen Schritt beiseitetreten, die Perspektive wechseln, sich einen Moment der Besinnung gönnen, die eigenen Ansprüche in der Erziehung und die Einflüsse von außen darauf hinterfragen.

Ebenfalls nötig sei es, eigene Fehler zu tolerieren, die Selbst-Wertschätzung nicht an einem perfekten Erziehungs-Modell auszurichten, die Rolle des Erziehenden mutig auszufüllen und als Verantwortung gegenüber den eigenen Kindern wahrzunehmen. „Weniger ich muss, mehr ich möchte zulassen“, umschrieb Leifeld die Erkenntnis, die am Ende dieses Prozesses der Reflexion stehen könnte.

Der Weg aus der Sackgasse

Helfen bei der Suche nach dem Weg aus der Sackgasse könne es, sich auf die Säulen von Familie und Erziehung wie Vertrauen, Kommunikation und Intuition zu stützen. „Erziehung heißt Beziehung.“ Diese Hilfestellungen würden die eigentliche Erziehungsarbeit nicht obsolet machen; es müssen weiterhin Grenzen gezogen, Auseinandersetzungen geführt, Konsequenzen eingehalten werden. „Das braucht Kraft und Mut.“

Aber diese „Mini-Breaks“ (Leifeld) eröffneten Eltern eine Möglichkeit, ihre „innere Ruhe“ und ihre „eigene Tankstelle“ zu finden, um im nächsten Schritt eine Ausfahrt aus der Sackgasse zu erkennen, ohne gleich in Aktionismus zu verfallen. „Weniger ist hier oft mehr.“

Bisweilen ist Erziehung derart eingekeilt in der Sackgasse, dass ein Blick von außen durch Fachleute erforderlich sei, damit die Blockade gelöst werden könne, sagte Leifeld. Manchmal helfe es, nach einem Mini-Break einfach loszulaufen. Auch auf dieses Weise könne eine Sackgasse zu einer Wiederkehr-Gasse werden.