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Literatur Elisabeth Jucker schreibt über ein „Unerhörtes Glück“

Von Genügsamkeit erzählen in perfektem Stil

Archivartikel

Allein der Titel „Unerhörtes Glück“ verspricht so einiges. Was so schön klingt, ist aber auch das kluge Wort-Spiel einer Romanautorin: Elisabeth Jucker, Schweizerin, Bergsteigerin. Eine, die die Welt von weit oben betrachten kann. Von einem solch erhöhten Platz blickt sie als auktoriale Erzählerin hier auf ihre Darsteller, beobachtet für eine kurze Weile deren Leben, bis sie das Fortschreiben der Geschichte an die Fantasie ihrer Leser übergibt. Wie in den vorangegangen Werken erzählt Elisabeth Jucker auch hier in ihrem klaren und akkuraten Stil, der große Beachtung findet.

Recherche beim Psychiater

Joe und seine Frau Fabienne, Lila und Lebensgefährte Sven, das sind vier Menschen, deren Schicksale sich für kurze Zeit verbinden. Lila ist Journalistin, die sich gerade mit Schönheitsoperationen und ihren Folgen auseinandersetzt. Deshalb sucht sie den Psychiater Joe auf, der über genau jenes Thema einen Ratgeber veröffentlicht hat. Er gibt vor, dass „Glück die Frucht der Genügsamkeit“ sei. Doch ist das nicht schnöder Schein? Seit seine Frau und er das Kind verloren haben, lebt sie, Fabienne, in einer anderen Welt. Beide fühlen sich für das Leben und den frühen Tod des tragisch verunstalteten Wesens schuldig. Kein Wunder, dass Lilas Fragen nach „chirurgischen Schöpfungsfantasien“ oder „dem Zwang nach einer perfekten Figur“ Joes Inneres angreifen.

Was er aber nicht weiß: Auch Lila fühlt sich leergefegt. Und dieser Ist-Zustand ist den zwei Personen Grund genug, sich von der Anziehungskraft des jeweils anderen anstecken zu lassen, vom „unerhörten Glück“ ihrer Begegnung.

Und während die Autorin mit stillen, makellosen Sätzen die Seelen ihrer Helden öffnet und dabei subtile Fragen aufwirft, bewahrt Sven sein Gottvertrauen. Er scheint der Einzige, der an seinem Glück nicht zweifelt. Bei den anderen bleibt es „un-erhört“, unbemerkt, obwohl, glaubt man dem Roman, manchmal Störungen genügen, um es aus Verborgenem neu zu heben.