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Sachbuch Christoph Nonn und Tobias Winnerling legen mit „Eine andere deutsche Geschichte“ Überlegungen zu alternativen historischen Sichtweisen vor

Wenn es anders gekommen wäre

Archivartikel

Kontrafaktische Geschichtsschreibung – ein Widerspruch in sich selbst? Lange Zeit war sie hierzulande geradezu verpönt. Sie galt als unsolide. Eher etwas für Spinner oder Verschwörungstheoretiker. In den angelsächsischen Ländern sahen die Historiker das ganz anders.

In diese Fußstapfen treten nun Christoph Nonn, Professor für Neueste Geschichte an der Heine-Universität in Düsseldorf, und Tobias Winnerling, ebenda wissenschaftlicher Mitarbeiter. Ergibt es einen Sinn, sich die frühe Neuzeit ohne Martin Luther und die Reformation vorzustellen? Hätte es eine Reichseinigung ohne Bismarck gegeben? Den Zweiten Weltkrieg ohne Hitler? Es sind solche Fragen, denen Nonn und Winnerling als Herausgeber des Bandes „Eine andere deutsche Geschichte 1517 - 2017“ nachgehen. Ihr Argument: Wer sagt, dass eine Entwicklung in der Vergangenheit alternativlos war, muss zuvor zwangsläufig über Alternativen nachgedacht und sie verworfen haben.

Schriftsteller hatten mit solch einer Vorgehensweise sehr viel weniger Skrupel. Robert Harris etwa schrieb seinen ersten Bestseller „Fatherland“ (auf deutsch 1992: „Vaterland“) über ein Deutschland des Jahres 1964, in dem der nun 75-jährige Adolf Hitler noch immer an der Macht ist.

Oder auch Len Deighton, der 1978 „SS-GB“ (auf Deutsch 1980) veröffentlichte, in dem er ein von Nazi-Deutschland besetztes Großbritannien beschrieb (als TV-Serie 2017 in England und Deutschland ausgestrahlt). Der Unterschied zwischen kontrafaktischer Dichtung und kontrafaktischer Geschichte laut Nonn und Winnerling: allein die künstlerische Freiheit.

Unterstützt haben sie namhafte Vertreter des Fachs: zum Beispiel die Wirtschaftshistoriker Michael C. Schneider (Düsseldorf) und Werner Plumpe (Frankfurt), Dieter Langewiesche (Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften) und Wolfgang Schieder (bis zu seiner Emeritierung in Köln), um nur einige zu nennen. Leider finden sich solch biografische Angaben nicht in dem Buch, was für Laien doch interessant wäre – kleiner Abzug in der Haltungsnote. Ihnen allen waren dabei die Grenzen dieses Vorgehens bewusst: Die Unwägbarkeiten einer kontrafaktischen Analyse potenzieren sich mit jedem Schritt, den sich das Szenario von der Abweichung fortentwickelt.

Hitler hätte 1914 sterben können

Und es kommt auch auf den Zeitpunkt eines kontrafaktischen Einschnitts an, was in Wolfgang Schieders Beitrag „Deutschland ohne Hitler“ besonders deutlich wird. Bereits während des Ersten Weltkriegs entging Hitler zwei Mal nur um Haaresbreite dem Tod. Im November 1914 verließ er als Meldegänger den Gefechtsstand seines Regiments, in dem Minuten später eine Granate einschlug und den kompletten Stab auslöschte. Im September 1916 explodierte ein Geschoss in dem Unterstand, in dem Hitler sich aufhielt. Kameraden unmittelbar neben ihm fanden den Tod, Hitler wurde „nur“ verletzt. Wäre er hier bereits ums Leben gekommen – die Geschichte der NSDAP wäre nie geschrieben worden.

Eine weitere Möglichkeit war am 9. November 1923 in München real, als Hitler und Ludendorff eine nationale Revolution auslösen wollten („Hitler-Putsch“). Doch ihr Propagandamarsch wurde an der Feldherrnhalle durch die bayerische Landespolizei gestoppt. Vier Polizisten und 13 Putschisten wurden getötet, darunter auch Max-Erwin von Scheubner-Richter, der direkt neben Hitler marschiert war. Hätte die Kugel Hitler getroffen, wäre die NSDAP gescheitert und die deutsche Geschichte völlig anders verlaufen.

Interessant wäre der Fortgang der Geschichte auch gewesen, wenn Hitler am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller (Attentatsversuch durch Georg Elser) getötet worden wäre. Anwesend waren auch Nazi-Größen wie Heß, Goebbels, Himmler, Bormann und Frick. Sie – alle oder einige – wären wohl auch getötet worden. Nicht jedoch der abwesende Hermann Göring. Und dieser war bereits von Hitler zum Nachfolger bestimmt worden. Wäre der Krieg – Polen war besetzt – überhaupt weitergegangen, nachdem England und Frankreich dem Dritten Reich ihrerseits den Krieg erklärt hatten? Hier beginnt die Spekulation. Aber von einem Überfall auf Russland hätte Göring möglicherweise Abstand genommen.

Die letzte reale Möglichkeit war das Attentat vom 20. Juli 1944. Doch viel günstiger wäre das Ende des Krieges wohl nicht verlaufen: Die Attentäter wollten keineswegs die Weimarer Republik wieder einführen – abgesehen von einigen wenigen wie Wilhelm Leuschner und Julius Leber –, sondern die Führerdiktatur durch eine Militärdiktatur ersetzen. Aber wären sie dazu auch in der Lage gewesen? Der NS-Machtapparat hätte wahrscheinlich weiterbestanden, Göring – wie im Elser-Szenario – die Führer-Rolle übernommen. Dem hätte eine Widerstandsbewegung, so Schieders These, kaum etwas entgegensetzen können. Himmlers Polizei- und Goebbels’ Propagandaapparat hätten wohl zu einem Polizeistaat geführt. Und die NS-Größen hätten den Krieg bis zum bitteren Ende fortgesetzt.

Prinzipielle Fragen im Vordergrund

Worin aber liegt der Mehrwert einer solchen Geschichtsbetrachtung? Nach Nonn und Winnerling liegt er vor allem darin, „eine Reihe von prinzipiellen Fragen an Geschichte wieder stark zu machen“. Eine Spitze gegen das ausschließliche Spezialistentum: Viele wissen immer mehr über immer weniger. „Wenn aber der Bezug zu den großen Fragen verloren geht“, meinen Nonn und Winnerling, „wird Wissenschaft zum Selbstzweck, und der Wissenschaftler zum Fachidioten“. Und damit haben sie zweifellos recht.