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Alte Druckerei Matthias Jung gibt mit seinem Programm Einblick in die Gehirne Pubertierender

Wenn WhatsApp überlebenswichtig wird

Archivartikel

Weinheim.Als Matthias Jung im Jahr 2003 erfolgreich sein Pädagogik-Studium abschloss, schockierte er seine Mutter mit der Eröffnung, dass er nun doch lieber auf die Bühne möchte, um Witze zu erzählen. Witzig ist der 40-Jährige, im Hunsrück geborene, Comedian allemal. Das zeigte er am Freitagabend in der Alten Druckerei, wo er mit dem Programm „Chill mal“ seinen Zyklus „Generation Teenietus“ fortsetzte.

Noch immer geht es um die Zeit im Leben, in der Stimmung und Wäsche am Boden liegen und die Pizza „Vier Jahreszeiten“ allein durch die Lagerungsdauer im Zimmer ihrem Namen gerecht wird. Obwohl sich Matthias Jungs Kinder noch jenseits der „plötzlichen Wandlung“ befinden, hat er sich allein durch seine halbwüchsigen Nichten, Neffen und Nachbarskinder zum Pubertäts-Experten entwickelt. Er kennt die endlosen Diskussionen über Schule und zugemüllte Zimmer, weiß, dass WhatsApp überlebenswichtig ist und vertritt die Ansicht, dass man den „Kleinen“ schon lange nicht mehr mit Hausarrest drohen kann, sondern nur noch mit dem Abschalten des WLAN.

Wollmützen bei 30 Grad plus

Dem Beifall und den Lachern nach zu urteilen, saßen im Publikum jede Menge leiderfahrene Eltern, die irgendwann resigniert zu dem Schluss kommen, dass „am Ende der Geduld noch jede Menge Pubertät kommt“. Symptome wie durchlöcherte Jeans bei 10 Grad Minus und Wollmützen bei 30 Grad plus sind ihnen nicht fremd. Und wenn man glaubt, so Matthias Jung, dass die Baustelle „Gehirn“ mit zwölf Jahren fertiggestellt ist, so sollte man berücksichtigen, dass im Stammhirn, wo die Gefühle lagern, noch jede Menge Feinarbeit aussteht, ganz zu schweigen vom Frontallappen, in dem die schlechten Erfahrungen kontrolliert und gespeichert werden.

Hinzu kommen dann noch die Hormone, die vor allem das Versiegen der Sprache und chronisch schlechte Laune hervorrufen. Er habe von Eltern gehört, die ihrem 15-jährigen Sohn einen Adventskalender mit offenen Türchen hingehängt haben, damit er jeden Tag eine Tür zuschlagen kann. Ein Drama sei ja auch, dass heutzutage die Pubertät immer früher eintrete. „Wenn das so weitergeht, sieht man eines Tages Bobby-Car-Fahrer mit Vollbart“.

Auch die Hygiene werde von Erwachsenen völlig überschätzt. „Kennen Sie dieses Duft-Cuvée aus Pubertät und Deo, das einem die Tränen in die Augen treibt?“ – Jung erzählt die Geschichte von seinem Neffen Timo, der, als er seine erste Freundin zu sich einlud, erst einmal bei Google Maps nachschaute, wo sich das Bad befindet. Auch er könne sich noch gut an seine Pubertät erinnern, vor allem an den ersten Liebeskummer. „Merke Dir eins“, habe sein Vater damals gesagt, „an Eurer Trennung sind genau zwei Leute schuld, Deine Freundin und ihre Mutter“.

Motto „essen, schlafen, chillen“

Viele Eltern möchten ja so was wie die Kumpels ihrer Kinder sein. Aber das funktioniert nicht, Jugendsprache ist genauso peinlich. Auch er wollte nie der Freund seines Vaters sein. „Vor allem dann nicht, wenn der im Sommer mit seinen kurzen Hosen durch die Stadt läuft“. Dann gibt es noch die Erwachsenen, die sich nie von ihrer Jugendzeit trennen, wie der 90-jährigen mit dem Auto-Aufkleber „Abi 1948“. Wer pubertierende Kinder hat, sollte sich einfach deren Motto „essen, schlafen, chillen“ vor Augen halten.

Auch dass der Fernseher, in Zeiten von Netflix und Streaming, ein antiquarischer Gegenstand darstellt. Zwei ebenso amüsante wie lehrreiche Stunden vergingen an diesem Abend wie im Flug. Denn Matthias Jung behandelt das brisante Thema „Pubertät“ nicht nur mit feinem Humor. Er gibt wissenschaftlich fundierte Einblicke in die Gehirne Heranwachsender.

Tipps, wie man das Zusammenleben mit dieser Spezies gelassen übersteht, gibt Matthias Jung obendrein – ganz nach dem Motto „Pubertät ist, wenn man trotzdem lacht“. rav