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Weinheim Unliebsame Begegnungen mit den Tieren auf der Straße am Wachenberg / Jagdpächter nehmen Stellung / Nur massive Zäune bieten Schutz für private Gärten

Wildschweine pflügen Vorgärten um

„So schlimm wie in diesem Jahr war es noch nie.“ Diesen Satz hört man immer wieder, wenn man sich mit Anwohnern am Weinheimer Wachenberg über die aktuelle Wildschweinplage unterhält. „In einigen Gärten sieht es so aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen“, weiß auch Dietmar Fischer, der zusammen mit Wilfried Michalka Jagdpächter am Wachenberg ist. Aber nicht nur das: Die Wildschweine spazieren ungeniert über die Straße und durchpflügen auch die Vorgärten.

In der Hegelstraße und der Kantstraße können die Anwohner ein Lied davon singen. „Es ist schon beunruhigend, wenn man spät abends heimkommt und vor der Haustür erst einmal einem Wildschwein gegenübersteht“, berichtet Dr. Bettina Hahne.

Ihr frisch angelegter Vorgarten wurde schon mehrfach von den Wildschweinen heimgesucht. Mittlerweile lagert sie die jungen Pflanzen, die die Wildschweine ausgegraben haben, in Pflanzkästen hinter dem Haus. „Die kommen erst wieder in die Erde, wenn der bestellte Zaun montiert ist.“ Dabei wollte sie auf gar keinen Fall ihren Vorgarten mit einem 1,50 Meter hohen Zaun umgeben. Aber ihr bleibe keine Wahl.

Denn auch den Jägern sind die Hände gebunden: Im sogenannten befriedeten Gebieten – und dazu gehören Wohnviertel – dürfen sie nicht schießen. „Die Gefahr, dass jemand verletzt wird, wäre einfach zu groß“, erläutert Michalka.

Für die Anwohner ist das bitter, weil es keine Entschädigung gibt, wenn Wildschweine in privaten Gärten ihr Unwesen treiben. „Entschädigungszahlungen gibt es nur bei Wildschäden in landwirtschaftlichen Kulturen“, bestätigt ein Sprecher der Wildforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg. Das wissen auch die meisten Anwohner. Trotzdem fühlen sie sich mit ihrem Problem alleingelassen von den zuständigen Behörden.

Auf die Frage, warum die Wildschweine immer häufiger in das Wohngebiet kommen, haben die beiden Jagdpächter mehrere Erklärungen: Schuld seien einerseits die oberhalb des Wohngebietes liegenden Schrebergärten. Früher seien diese von den Eigentümern gehegt und gepflegt worden. Doch im Laufe der Jahre ließen immer mehr Besitzer die Gärten verwildern. Brombeerhecken und anderes Gestrüpp breiteten sich aus und bieten tagsüber eine perfekte Deckung für die nachtaktiven Tiere, die dann den bequemen Weg ins Wohngebiet wählen.

Früher seien diese Schrebergärten so etwas wie eine Pufferzone zwischen Wald und Wohngebiet gewesen. Da die Deckung fehlte, wären die Wildschweine nur selten in private Gärten eingedrungen, erläutern die beiden Jagdpächter. Andererseits könne man seit Jahren beobachten, dass sich die Zahl der Wildschweine drastisch erhöht. „Gab es früher in einer Rotte nur einmal pro Jahr Nachwuchs, so beobachten wir dies mittlerweile ganzjährig“, berichtet Fischer.

Anstieg der Population

Als Rotte bezeichnet man eine Gruppe von Wildschweinen, die aus mehreren Bachen, ihren Frischlingen und mehreren einjährigen Tieren beiderlei Geschlechts besteht. Diesen Anstieg der Population könnten die Jäger nicht bremsen, sind sich Fischer und Michalka einig. Denn die Wildschweinjagd sei ein schwieriges Unterfangen, da sich die Tiere tagsüber verstecken und nur nachts aktiv sind. Da Jäger aber keine Nachtsichtgeräte verwenden dürfen, bleibe nur die Kirrung, um die Tiere anzulocken. Als Kirrung bezeichnen Jäger einen Platz zum Ausbringen von Getreibe oder Mais, das von Wild als Nahrung gesucht wird. Aber diese Methode bringe auch nicht die erforderlichen Abschussquoten.

Von sogenannten Drückjagden, bei denen die Tiere von Treibern aufgescheucht werden, um sie vor die stehenden Jäger zu treiben, halten Fischer und Michalka in ihrem Revier nichts. Der Wachenberg sei schließlich auch ein beliebtes Naherholungsgebiet für Menschen; eine Drückjagd könnte nur mit einem unverhältnismäßig hohen Aufwand abgesichert werden. Abgesehen davon würde sich die Topografie des Gebietes dafür nicht eignen. Und so bleibt den Anwohnern wohl nichts anderes übrig, als ihre Gärten und Vorgärten mit hohen Zäunen zu schützen. Denn Duftstoffe, die Wildschweine vertreiben sollen, und andere „Geheimrezepte“ helfen bestenfalls vorübergehend, wissen die Jäger aus langjähriger Erfahrung.

Grundsätzlich seien Wildschweine nicht angriffslustig, sondern würden sich zurückziehen, wenn sie einen Menschen riechen, betont Fischer am Ende des Gesprächs mit unserer Lokalredaktion. Diese Rückzugsmöglichkeit sollte man den Tieren bei einer Begegnung auch geben, rät er. Besondere Vorsicht sei geboten, wenn man einer Bache mit ihren Frischlingen begegnet. pro