Startseite Fallback für unzugeordnet und Altdaten bzw Archiv

Das Interview Bildungsforscherin Sylva Liebenwein sieht bei Quizshows wie Günther Jauchs „Wer wird Millionär?“ mehr Unterhaltungs- als Nutzwert

„Zuschauen macht nicht klüger“

Archivartikel

Hape Kerkeling hat es schon immer gewusst: Das ganze Leben ist ein Quiz. Und wenn es so weitergeht, ist es wohl irgendwann tatsächlich so, dass wir alle mal die Kandidaten waren. Noch immer wird in vielen Fernsehstudios gequizzt, dass die Köpfe rauchen. Der Zuschauer hält Günther Jauch und Co. eisern die Treue, da kann das Fernsehgeschäft noch so schnelllebig geworden sein, das Mitraten hat Konjunktur – und das schon seit beinahe zwei Jahrzehnten. Aber wie schlau muss man sein, um in der Quizshow abzuräumen, und müssten wir angesichts der Dauer-Raterei nicht längst ein Volk von Superhirnen sein? Antworten darauf gibt die Bildungsforscherin Sylva Liebenwein im Interview; sie ist Professorin für Pädagogik an der Katholischen Stiftungsfachhochschule in München.

Frau Liebenwein, haben Sie auch schon einmal davon geträumt, bei einer Quizshow wie „Wer wird Millionär?“ abzuräumen?

Sylva Liebenwein: Oh ja. Aber ich fürchte, ich wäre alles andere als die perfekte Kandidatin.

Immerhin sind Sie promovierte Bildungsforscherin, also das, was man landläufig gebildet nennen darf ...

Liebenwein: Was mir aber in einer solchen Sendung kaum weiterhelfen würde!

Wieso?

Liebenwein: Weil dort alle Wissensbereiche gleichberechtigt nebeneinandergestellt werden: Man muss, um zu gewinnen, gleichermaßen über Populärkultur und Hochkultur Bescheid wissen und sogar noch die trivialste Fernsehsendung kennen. Es ist eben nicht nur der klassische Bildungskanon, der zählt ...

Ein in der Tat recht krude erscheinender Mix: Einerseits werden die einfachsten Dinge abgefragt, andererseits ist absolutes Fachwissen erforderlich. Macht das Sinn?

Liebenwein: Kommt darauf an, wie man „Sinn“ definiert. Was den Unterhaltungswert angeht, ist der Aufbau auf jeden Fall sinnvoll, weil man daheim am Fernseher lange selbst mitraten kann. Das hat eine gewisse Spannung, durch die der Zuschauer hineingezogen wird in das Frage- und Antwortspiel. Ob so etwas aber bildungswirksam ist, das ist eine andere Frage.

Also: Wird man schlauer, wenn man regelmäßig mitfiebert?

Liebenwein: Sie meinen gebildeter? Nein. Durch das Zuschauen alleine sicher nicht. Aus Sicht der Lernforschung haben solche Sendungen für die Vermittlung von Wissen keinerlei Wert.

Warum nicht?

Liebenwein: Die einzelnen Informationen werden sofort wieder vergessen, weil die Themen permanent wechseln, nichts verknüpft und vertieft wird. Das Tempo einer Sendung ist in der Regel eben sehr hoch. Die totale Reizüberflutung. Dazu kommt eine fachliche Überflutung.

Also ist das aus Sicht der Bildungsforscherin nichts als pure Unterhaltung?

Liebenwein: Eine gewisse Bildungswirksamkeit sehe ich in solchen Formaten schon: Sie erweitern unseren Bildungsbegriff. Durch diese Quizsendungen wird ja auch vermittelt, welche Kenntnisse in unserer Gesellschaft gerade als wichtig gelten. Die Shows können damit schon zu einem lernförderlichen Klima beitragen.

Sie meinen, dass der Zuschauer in einer solchen Sendung möglicherweise zum ersten Mal etwas über einen gerade angesagten Popstar oder auch ein zeitgeschichtliches Ereignis hört und sich dann weiter darüber informiert?

Liebenwein: Ja, genau. In den 70ern gab es mal die Tendenz, auswendig gelerntes Wissen nicht allzu wichtig zu nehmen, sondern Bildung eher als Persönlichkeitsbildung zu definieren. Nun erleben wir eine Renaissance dieser Kenntnisbildung. Und dazu tragen auch solche Programme bei, die von einem Millionenpublikum gesehen werden.