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Rock Am Sonntag spielt die Band um Sänger Axl Rose und Gitarrist Slash auf dem Maimarktgelände in Mannheim / 50 000 Besucher erwartet

Guns N' Roses-Hysterie erreicht die Region

Archivartikel

Man hätte es ja für einen Aprilscherz halten können: Dass Frontmann Axl Rose die Originalmitglieder Duff McKagan und Slash, mit dem er jahrelang kein Wort gesprochen haben soll, zurück zu Guns N’ Roses (GN’R) holt und ihr erstes Konzert ausgerechnet am 1. April 2016 vor 500 Leuten in West Hollywood über die Bühne gehen sollte, war irgendwie … zu schön, um wahr zu sein. Zumal die daran anschließende gigantomanische Tournee durch die Stadien der Welt „Not In This Lifetime“ betitelt wurde – auf Deutsch: nicht in diesem Leben.

Rückkehr lange undenkbar

Tatsächlich schien es fast 20 Jahre lang völlig unvorstellbar, dass der durch Roses Egozentrik und monomanischen Führungsstil nicht nur zwischenmenschlich verprellte Slash jemals wieder mit dem Sänger eine Bühne teilen würde. Wenn seit dem Abgang des Star-Gitarristen im Oktober 1996 etwas über das Verhältnis der beiden zutage kam, waren es wechselseitige Beschuldigungen oder gar handfeste juristische Konflikte.

Aber der Kern des Streits dürfte letztlich darin gelegen haben, dass der hochproduktive Slash nach dem triumphalen „Use Your Illusion“-Doppelpack von 1991 gern schnell neues Material vorgelegt hätte – und nicht nur die ganz zünftig nachgespielten Punk-Standards auf „The Spaghetti Incident?“ (1993). Aber Rose war nichts, was man ihm vorlegte, gut genug. Und der im Prinzip begnadete Songschreiber brauchte selbst gut 15 Jahre, bis er 2008 mit einer neuen GN’R-Formation voller namhafter Legionäre das erschreckend mittelmäßige „Chinese Democracy“ veröffentlichte. Als kaum noch jemand damit rechnete.

Was wieder einmal zeigt: Epochale Bands sind oft mehr als die reine Summe ihrer Teile. Und bei den Gunners fügten sich 1985 fünf Musikerpersönlichkeiten zusammen, die 1987 auf ihrem Debütalbum „Appetite For Destruction“ aus allen Spielarten härterer Popmusik eine Frischzellenkur für ihr in progressiver Perfektion, Haarspray-Metal-Posen und purem Kommerz erstarrtes Genre zusammenbrauten. Das Meisterwerk wird übrigens am 29. Juni neu gemischt und teilweise mit viel Bonusmaterial als „Locked N’ Loaded“-Edition wiederveröffentlicht.

Geerdet von Izzy Stradlin

Da war der stilistisch in alle Richtungen offene, opulent denkende Axl Rose. Ein Junge aus Indiana, der den überwältigenden Großstadtdschungel von Los Angeles wie kaum jemand sonst in Songtexten fassen konnte – und dabei sang wie eine manisch-depressive Kreissäge: Mal fräste sich sein überwältigendes Kreischen regelrecht durch die Schädeldecke der Hörer, dann konnte er wieder so sensibel und verletzlich klingen, dass die Herzen nur so aufgingen.

Geerdet wurde Rose lange von Kumpel Izzy Stradlin, mit dem er schon in einer Highschool-Band in deren Geburtsort Lafayette spielte. Der Gitarrist, Produzent und Songschreiber trug eine Art Rolling-Stones-Attitüde bei.

Slash dachte musikalisch ähnlich groß wie Axl Rose – Richtung Stadionrock. Er brachte die Wucht und technische Finesse ins Spiel, die man von Gitarristen von Mega-Bands Led Zeppelin, Cream, Black Sabbath oder Aerosmith kennt. Sein Jugendfreund Steven Adler konnte an den Drums die nötige Durchschlagskraft beisteuern, hatte aber auf Dauer für den Leistungssport Stadion-Welttourneen seine Suchtthematiken zu wenig im Griff. Der Punk-Hintergrund von Bassist Duff McKagan komplettierte das Stil-Puzzle, so dass Guns N’ Roses glaubhaft das Image notorischer Straßenköter bedienen konnten.

Türöffner für Metallica

Schnell legten sie die lächerlichen Spandexkostüme und hochtoupierte Frisuren ab, die in krassem Gegensatz zur schrillen Botschaft ihres ersten Videos zur Hit-Single „Welcome To The Jungle“ (1987) standen. Schnell wurde klar: Das hatte mit dem damals in den USA dominanten „Hair Metal“ von Bands wie Mötley Crue oder Poison nichts gemein. Stattdessen brachten die „Gunners“ den Dreck zurück in den Hard-Rock- und Metal-Sound. Was für viele Rockhistoriker als Türöffner für Grunge und den kommerziellen Durchbruch der Thrash-Metal-Szene um Metallica und Slayer gilt.

Allerdings: Schon auf den „Use For Illusion“-Platten ist die Balance der Stile gestört. Der insgesamt wiederum mehr als 30 Millionen Mal verkaufte Doppelpack enthält zwar alle Puzzleteile und viel aggressive Härte. Aber Roses Hang zu bombastischen Arrangements und großen Balladen, die auf MTV Bon-Jovi-Video-Clips ausstechen können, fällt nicht nur angenehm auf.

„Fuck you, Mannheim“

Tatsächlich kommt es ausgerechnet beim ersten GN’R-Konzert auf dem Mannheimer Maimarktgelände am 24. August 1991 zum entscheidenden Bruch: Die Band ließ die von den Vorbands genervten und zum Teil ordentlich angetrunkenen Fans sehr lange warten, „sogar für unsere Verhältnisse“, wie sich Slash später erinnerte.

Axl Rose startete erbärmlich krächzend in die ersten Songs. Plötzlich feuerte der Sänger sein Mikro auf den Boden, murmelte „Fuck you, Mannheim“ – und stürmte von der Bühne.

Das passierte durchaus häufiger – auch, weil sich immer wieder Besucher fanden, die den seinerzeit extrem reizbaren Sänger zu provozieren versuchten, ihn mit Flaschen bewarfen, anpöbelten, bespuckten. Oder filmten. Das hatte am 2. Juli 1991 im Riverport Amphitheatre nahe St. Louis fast zur Katastrophe geführt, als Rose wegen eines filmenden Fans und laschem Sicherheitspersonal im 15. Song ausrastete – und abbrach. Das Publikum tobte– drei Stunden lang, was als „Riverport Riot“ in die Bandgeschichte einging, Es gab Dutzende Verletzte.

Auch deswegen herrschte in Mannheim nach seinem Abgang hinter der Bühne Alarmstimmung. Das Publikum hörte nur etwas von „technischer Störung“. Hinter den Kulissen aber ließ Veranstalter Marek Lieberberg, wie er Jahre später verriet, in Wild-West-Manier alle Ausfahrten absperren und stellte Axl Rose: „If I die, you die!“ – Wenn ich sterbe, stirbst Du auch. Das habe der Sänger verstanden. Und Rose bereitete den Fans anschließend eine wahre Sternstunde, die das Zeitlimit satt überzog und bei Fans als eines der besten GN’R-Konzerte überhaupt gilt.

Nur einer hatte genug: Izzy Stradlin. Slash schilderte 2007 in seiner Autobiografie: „Alles lief normal, bis wir nach Mannheim kamen.“ Der Gitarrist war heilfroh, dass die Veranstalter Rose keine Wahl ließen, als weiterzuspielen – schließlich hatten alle Angst vor einer Neuauflage von St. Louis in Mannheim. „Wenn sie nicht reagiert hätten, bin ich sicher, dass die 38 000 Fans auch randaliert hätten. Wir wären dafür verantwortlich gemacht und verhaftet worden; womöglich wären Leute gestorben.“ Der Gitarrist beschreibt, wie sich die Polizei schon aufs Schlimmste vorbereitet hätte: „Das war eine furchteinflößende Szene.“

Nachdem die Show dann glücklich zu Ende ging, habe er gedacht „Fuck, das war knapp. Tatsächlich war es zu knapp“, schreibt Slash. Am nächsten Morgen ließ der von Axl Roses unverantwortlichem Verhalten einmal zu viel geschockte Stradlin seinen Kollegen mitteilen, dass er endgültig genug habe und nach der Tour aussteigen werde. Der Anfang vom Ende des menschlich und musikalisch hochsensiblen Bandgefüges. Slash verließ Guns N’ Roses 1996, McKagan folgte ein Jahr später. Rose verwaltete den Scherbenhaufen lange sporadisch oder gänzlich tatenlos.

Bis zum 1. April 2016, als nach monatelang brodelnden Gerüchten und subtilen Hinweisen die Rückkehr von McKagan und Slash feststand. Was eine Fan-Hysterie auslöste und seitdem gut eine halbe Milliarde Ticketumsätze gebracht haben soll. Angst vor Chaos und Randale muss heute niemand mehr haben. GN’R bekommen fast konstant ordentliche bis gute Kritiken und beginnen ihre Drei-Stunden-Konzerte oft sogar unglaublich pünktlich.

Auch der massig gewordene Axl Rose funktioniert in der Regel. Die wird bestätigt durch Ausnahmen wie das offenbar klangtechnisch und musikalisch katastrophale Konzert im Berliner Olympiastadion am 3. Juni. Aber schon die zweite Deutschland-Show dieses Tourabschnitts am 12. Juni in Gelsenkirchen wurde bejubelt.

Dieses letzte Bisschen Unberechenbarkeit, das die einst gefährlichste Band der Welt noch umweht, macht in Zeiten perfekt getakteter Livemusikdienstleister für viele Fans auch einen Teil ihres Reizes aus. jpk

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