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Interview

Kinderhilfe will höhere Strafen für sexualisierte Gewalt gegen Kinder

Mannheim/Berlin.Menschen, die Kindern sexuell Gewalt antun, kommen nach Ansicht der Deutschen Kinderhilfe in der Rechtsprechung zu glimpflich weg. "Für die Opfer ist das Strafmaß auch ein Zeichen, was sie wert sind", sagte der Vorsitzende des Verbands, Rainer Becker, der Deutschen Presse-Agentur in Mannheim. In der Quadratestadt will nun das Landgericht sein Urteil gegen einen Mann verkünden, der wegen Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie, sexuellen Missbrauchs und sexueller Nötigung von Kindern angeklagt ist.

Wo müsste das deutsche Recht verändert werden, um den Kampf gegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder wirksamer zu machen?

Die Internet-Versorger in Deutschland müssten dazu verpflichtet werden, einschlägige Filme oder Bilder von Kindern den Behörden zu melden. So sind unsere Ermittler auf Hinweise vor allem von US-Behörden angewiesen. Gut 90 Prozent aller Anklagen in Deutschland basieren auf Hinweisen der Amerikaner. Außerdem müsste die Vorratsdatenspeicherung erlaubt werden, um Kommunikationswege von Verdächtigen nachvollziehen und so Kinderpornografie-Netzwerke ausheben zu können. In Deutschland kommen nur 20 bis 30 Prozent aller Sexualdelikte zur Anklage. Denn solange keine Spuren am Körper nachzuweisen sind, steht Aussage gegen Aussage - es sei denn, der Täter hat Bild- und Tonaufzeichungen seiner Verbrechen gemacht, die - wie und warum auch immer - den Ermittlungsbehörden bekannt wurden.

Helfen härtere Strafen weiter?

Die Strafen für Gewalt gegen Kinder sind vergleichsweise milde und schwer nachvollziehbar. Der Besitz von kinderpornografischem Material ist nach dem Fall Edathy von einer damals schon peinlichen Strafandrohung von bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf ebenso peinliche drei Jahre erhöht worden. Man muss sich immer vergegenwärtigen, dass hinter jedem Bild, hinter jedem Video eine Vergewaltigung steht. Dennoch wird zum Beispiel ein sogenannter einfacher Diebstahl stärker geahndet, und zwar mit mindestens fünf Jahren Freiheitsstrafe. Überdies wird sexueller Missbrauch von Kindern mit einer Freiheitsstrafe ab sechs Monaten - also nur als Vergehen, nicht als Verbrechen - geahndet, die Nötigung Erwachsener aber ab einem Jahr. Dies sind nur zwei Beispiele für Ungleichgewichte in unserem Strafgesetzbuch, die insbesondere Jahre später noch zu tiefer Verletzung der Opfer führen können.

Wie sieht die Datengrundlage für das Delikt sexualisierte Gewalt an Kindern aus?

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) wies im Jahr 2018 insgesamt 14 606 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern aus, davon 1839 unter 6 Jahren. Die PKS gibt allerdings nur das sogenannte Hellfeld wieder. Tatsächlich dürfte die Zahl eher beim Siebzigfachen oder sogar noch höher liegen. Darüber hinaus sind wissenschaftliche Auswertungen der entsprechenden Akten, aus denen sich Hinweise für mehr und bessere Präventionsansätze ergeben könnten, äußerst schwierig. Denn die Justiz ordnet ihre Akten nicht nach Tatbeständen, sondern nach Namen und Aktenzeichen. Es wäre viel einfacher, das Phänomen wissenschaftlich zu durchleuchten, gäbe es eine Erfassung nach Deliktarten.

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