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Gastbeitrag (mit Audio)

Kunst als Lebensmittel

Archivartikel

Liebes Corona-Tagebuch, 

liebe Leserinnen, liebe Leser,

Deutschland ist eine Kulturnation. Die Kultur sei ein Lebensmittel, betonte kürzlich Monika Grütters, Beauftragte für Kultur und Medien. Bundespräsident Steinmeier lud den Pianisten Igor Levit sogar ins Schloss Bellevue ein, um auf die Lage der Kulturschaffenden hinzuweisen. Doch was geschieht, sobald es darum geht, konkret über Maßnahmen zur Rettung der Kulturbetriebe in Zeiten der Pandemie zu beraten? Der Bundestag nimmt alle Tagesordnungspunkte zum Thema Kultur- und Kreativwirtschaft am Donnerstag von der Tagesordnung.

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Die Parteien hatten Anträge eingereicht, von Rettungsmaßnahmen für die Filmwirtschaft hin zur kulturellen Infrastruktur, was es eben braucht für das Lebensmittel Kultur. Ich erinnere mich an eine Ausstellung von Jörg Immendorff in der Neuen Nationalgalerie Berlin im Jahr 2005. Im Eingang hing ein Banner mit dem Immendorff-Satz: „Die Kunst muss uns zur Kartoffel werden.“ Was den Deutschen die Kartoffel bedeutet, ist bekannt. Diesen Satz könnte man in Corona-Zeiten abändern in: „Die Kunst muss uns zum Spargel werden.“

Natürlich kann man Kunst nicht essen, und doch braucht der Mensch sie, um als Mensch zu überleben. Trotzdem gibt es für Kulturbetriebe bis heute keinen Öffnungsplan. Wer Kunst als Dekoration statt als Grundnahrungsmittel begreift, verliert die humanistische Bildung aus den Augen. Er verliert aus den Augen, wie sehr es zur conditio humana gehört, über Alltägliches hinaus wachsen zu können, um uns unserer Natur zu vergewissern.

Wir müssen Kunst erleben dürfen, Kindern müssen den Zugang dazu erlernen dürfen. Das Pandemie-Krisenmanagement hat in Deutschland vorbildliche Seiten. Es hat jedoch auch entlarvt, in welch tiefer Werte-Krise diese Gesellschaft steckt: Die Schulen sind zu. Die Kulturhäuser schließen als erste und stehen von da an hinten an. Familienministerin Giffey verschafft sich zwar medial Gehör, im Pandemie-Kabinett ist sie jedoch nicht vertreten.

Wie bei allen wichtigen Krisenfragen, kann man auch hier nicht warten, bis eine Pandemie, von der niemand weiß, wie lange sie dauern wird, vorbei ist. Schreiben Sie doch einmal Ihren Abgeordneten, woher die Idee kam, die Kultur komplett vom Speiseplan zu entfernen. Erzählen Sie von Ihrem Hunger. Sagen Sie einfach: So schmeckt mir das Leben nicht. Bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

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