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Wilhelm Leuschner-Medaille

"Mann des klaren Wortes" - Lübcke erhält posthum höchste Auszeichnung

Wiesbaden.Auf großformatigen Fotos lächelt Walter Lübcke in die Kamera. Sie zeigen ihn als Privatmann im Freizeithemd und als Kasseler Regierungspräsidenten mit Krawatte. Davor auf der Bühne stehen Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Lübckes Ehefrau und Söhne, die für den im Juni ermordeten Politiker Hessens höchste Auszeichnung entgegennehmen: die Wilhelm Leuschner-Medaille für Verdienste um Freiheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Lübcke "pflegte das offene Wort, er war mutig und stand zu seinen Überzeugungen", sagte Bouffier bei der Verleihung am Sonntag in Wiesbaden. Der Mord an Lübcke sei ein "Aufruf an uns alle".

Es ist das erste Mal, dass Hessen die Medaille posthum vergibt. Lübcke habe für seine standhafte und unerschrockene Einstellung mit dem Leben bezahlen müssen, sagte Bouffier vor etwa 350 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Tat habe "wie in einem Brennglas" deutlich gemacht, welche Gefahr dem Land durch Rechtsextremismus drohe. "Wachsamkeit ist gefordert und Einstehen für Freiheit und Demokratie."

Der CDU-Politiker Lübcke war Anfang Juni auf der Terrasse seines Hauses durch einen Schuss getötet worden. Hauptverdächtiger ist Stephan E., der aus einem rechtsextremen Motiv heraus die Tat verübt haben soll. Laut einem von E. widerrufenen Geständnis war der Anstoß dafür Lübckes Haltung während der Flüchtlingskrise.

Bei einer Bürgerversammlung im nordhessischen Lohfelden im Jahr 2015 hatte der Regierungspräsident auf Zwischenrufe gegen eine Erstaufnahme-Einrichtung für Asylbewerber gesagt: "Da muss man für Werte eintreten, und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist, das ist die Freiheit eines jeden Deutschen." Stephan E. soll damals dabei gewesen sein und später beschlossen haben, den Politiker deswegen zu töten. Der in Untersuchungshaft sitzende Verdächtige will nach Angaben seines Verteidigers ein neues Geständnis ablegen.

In einer bewegenden Ansprache ging auch Jan-Hendrik Lübcke, ein Sohn des Mordopfers, auf den Vorfall bei der Bürgerversammlung ein. Und er betonte: "Unser Vater war ein Mann des klaren Wortes." Es sei für ihn 2015 selbstverständlich gewesen, "dass man die geflüchteten Menschen in Nord- und Osthessen aufnahm".

Wie zuvor Bouffier appellierte Lübckes Sohn, "im Sinne unseres Vaters" sich gegen Extremismus und Hass zu engagieren und für die Demokratie einzutreten: "Wir sind alle aufgefordert, demokratische Werte zu verteidigen." Man müsse erinnern, hinschauen, das Gespräch suchen und sich einmischen. "Die Angst vor politischem Engagement darf sich nicht festigen. Gemeinschaftlich müssen wir dieser Angst entgegentreten." Für seine Rede erhielt er stehenden Applaus.

Auch die Parteien in Hessen würdigten Lübcke: Die posthume Auszeichnung mit der Wilhelm Leuschner-Medaille sei ein "bedeutsames Signal", teilte der CDU-Fraktionsvorsitzende Michael Boddenberg mit. "Als Regierungspräsident setzte er sich für eine demokratische Gesellschaft ein und zeigte humanitäre Größe in schwierigen Zeiten." Lübcke sei ein "engagierter Kämpfer für unsere Demokratie und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt" gewesen, sagte Grünen-Fraktionschef Mathias Wagner.

SPD-Landes- und Fraktionschefin Nancy Faeser erklärte: "Walter Lübcke hat Menschlichkeit gelebt und die Werte des Grundgesetzes in Wort und Tat verteidigt." Sein Tod sei gleichzeitig eine Verpflichtung: "Wir müssen uns gegen die Demokratiefeinde und gegen die Feinde einer offenen, toleranten und menschlichen Gesellschaft zur Wehr setzen und alle Mittel des Rechtsstaates dazu einsetzen." Die Tat werfe ein Schlaglicht darauf, dass der soziale und demokratische Leitgedanke der hessischen Verfassung heute vehement gegen eine wachsende Bedrohung von Rechts verteidigt werden müsse, teilte Ulrich Wilken von der Fraktion der Linken mit.

Das Land Hessen will auch künftig in besonderer Weise an Lübcke erinnern und hat eine neue Auszeichnung ausgelobt: Mit dem Walter-Lübcke-Demokratie-Preis sollen Persönlichkeiten oder Vereine geehrt werden, die sich in besonderer Weise für demokratische Werte einsetzen.