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Mannheim

Mehr Menschen mit psychischen Problemen in Bahnhofsmission

Archivartikel

Mannheim.Hilfe gibt es an Gleis 1. Dort befindet sich in Mannheim die Bahnhofsmission. Seit der Eröffnung 1897 haben schon viele Menschen in der Einrichtung Schutz gesucht. Der repräsentative Bau steht nicht nur den Reisenden am Hauptbahnhof offen. "Wir fühlen uns für alle Menschen in schwierigen Lebenslagen zuständig. Egal woher sie kommen", sagt Birgit Fischer. Die Kurpfälzerin leitet die Mission seit 2012. Besonders gefordert seien die Mitarbeiter während der Ankunft vieler geflüchteter Menschen im Jahr 2015 gewesen, erinnert sie sich. Auch wenn es seither wieder ruhiger geworden sei, 50 ehrenamtliche Helfer kümmerten sich auch in der Gegenwart tagtäglich um zahlreiche Notfälle.

Kinder, die einen Zug verpasst haben, gehören ebenso zum Alltag wie reisende Senioren, die beim Umsteigen auf eine helfende Hand angewiesen sind. Selbst um die Reiseplanung bei einem Zugausfall oder um die Vermittlung einer Unterkunft kümmern sich die Frauen und Männer, die das Logo der Bahnhofsmission auf ihren blauen Westen tragen. "Viele Menschen sind schlicht hilflos, wenn etwas auf der Reise schief geht", sagt Fischer. Der kostenfreie Service ist auch für jene Besucher gedacht, die soziale oder persönliche Probleme haben und daher besonders schutzbedürftig sind. So bieten die Helfer etwa Obdachlosen und Suchtkranken einen warmen Platz, empfehlen ihnen Kleiderkammern, Wohnheime oder Beratungsstellen für schwierige Lagen.

"Gerade in der dunklen Jahreszeit suchen Menschen Schutz vor Kälte und Tristesse in der Bahnhofsmission", sagt Birgit Fischer im typischen Singsang der Region. Allerdings habe die Zahl von Besuchern zugenommen, die sich in einer psychologischen Ausnahmesituation befänden. "Manche treten sehr aggressiv auf, andere wirken depressiv und sitzen in sich gekehrt in der Ecke", sagt die Leiterin. Die einen verbreiteten Verschwörungstheorien, andere fühlten sich verfolgt oder benachteiligt im Alltag, beschreibt Fischer ihren Eindruck. Solche Fälle werden nicht nur in der von der Caritas und Diakonie getragenen Einrichtung in Mannheim registriert.

"Auch in anderen Bahnhofsmissionen zeigt sich ein solcher Trend", erklärt Klaus-Dieter Kottnik, der Vorsitzende der Konferenz Kirchlicher Bahnhofsmissionen in Deutschland. Dass es sich mitnichten um einen subjektiven Eindruck handele, bestätigten Zahlen aus der jüngsten Statistik der Bahnhofsmissionen. Demnach ist die Zahl von "Menschen mit psychischen Erkrankungen und Abhängigkeitskrankheiten" zwischen 2011 und 2018 stark gestiegen.

Im Jahr 2018 wurden demnach pro Bahnhofsmission in Deutschland durchschnittlich fast 5400 Menschen registriert, die entsprechend auffällig waren, 2017 wurden sogar mehr als 6000 Fälle gezählt. 2011 lag der Mittelwert noch bei fast 3800 Fällen pro Bahnhofsmission. 2013 stieg die Zahl demnach auf fast 4700 pro Mission.

"Meine Kollegen und ich nehmen durchaus wahr, dass mehr Menschen mit psychischen Problemen zu uns kommen", sagt die Mannheimer Leiterin Birgit Fischer. Die Betroffenen - überwiegend handle es sich um Männer - würden häufig an eine geeignete Fachstelle vermittelt. Laut Fischer sind manche Menschen sehr fordernd, lassen ihrer Frustration freien Lauf, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden. Oftmals gingen psychische Auffälligkeiten auch mit Suchtkrankheiten einher.

"Es scheint so, als würden vor allem einsame Menschen unter psychischen Erkrankungen leiden", so Klaus-Dieter Kottnik. Dies sei aber nur eine Vermutung. Welche Gründe tatsächlich den Anstieg beförderten, sei noch unklar, sagt der evangelische Theologe.

Rund 2 Millionen Gäste zählen die etwa 100 Bahnhofsmissionen laut eigenen Angaben jedes Jahr in Deutschland. 2018 betreute die Einrichtung in Mannheim mehr als 41 000 Menschen. "Bahnhofsmissionen bieten wichtige Unterstützung für unterschiedliche Menschen", bringt es ein Sprecher der Deutschen Bahn in Stuttgart auf den Punkt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte jüngst die Berliner Bahnhofsmission besucht und die "zentrale Anlaufstelle für Menschen in Notlagen" gelobt.