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Psychische Erkrankungen

Rund 2000 psychisch kranke Schulkinder jährlich in Diakonie-Kliniken

Archivartikel

Odenwald-Tauber.Mehr als jedes fünfte Schulkind in Baden-Württemberg ist psychisch krank. Das ist die Bilanz einer Studie der Krankenkasse DAK, die diese Woche vorgestellt wurde. Psychische Störungen stehen in einem direkten Konflikt zum schulischen Erfolg: „Sie können einen Leistungseinbruch bewirken. Einige Schüler können nicht mehr in die Schule gehen – das nennt man Schulabsentismus“, erklärt Renate Schwarzmeier, Diplom-Psychologin und Fachbereichsleiterin der schulpsychologischen Beratungsstelle am staatlichen Schulamt Künzelsau auf Anfrage der FN. „Die Lebensqualität der Schüler leidet darunter, ihr Leidensdruck steigt. Zum Teil ziehen sie sich auch aus den sozialen Kontexten zurück. Häufig erleben sie eine große Hilflosigkeit.“
Ein Drittel sind Notaufnahmen
Im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist die Diakonie-Klinik Mosbach Anlaufstelle für den Main-Tauber- und den Neckar-Odenwald-Kreis. Dort verzeichne man aktuell jährlich etwa 1400 Patienten in ambulanter Behandlung und rund 500 in stationärer beziehungsweise teilstationärer an den Standorten Tauberbischofsheim und Mosbach, erklärt Pressesprecher Michael Walter. „Rund ein Drittel der stationären Aufnahmen sind Notaufnahmen“, so Walter weiter, „das heißt, es liegt eine Eigen- oder Fremdgefährdung vor.“ Junge Menschen in suizidalen Krisen zählten hier ebenso dazu wie auch Menschen mit einer aggressiven oder auch psychotischen Symptomatik – also Wahn oder Halluzinationen. „Wie in allen anderen Kliniken stiegen die Fallzahlen in der Vergangenheit auch bei uns.“
Die drei häufigsten Störungsbilder seien dabei Depressionen, Angststörungen und auch ADHS. Das deckt sich mit der Klientel der schulpsychologischen Beratungsstellen. Psychologin Schwarzmeier erweitert die Liste um Essstörungen, Anpassungsstörungen und somatische Störungen, bei denen sich die psychischen Leiden in Kopf- und Bauchschmerzen oder Übelkeit manifestieren. Fallzahlen erfassten weder die Schulpsychologische Beratungsstelle Tauberbischofsheim noch Mosbach, erklärten diese auf FN-Anfrage.
In Baden-Württemberg sind es laut DAK-Gesundheitsreport 25 Prozent aller Kinder und Jugendlichen, die wegen psychischen und Verhaltensstörungen 2017 wenigstens einmal ärztlich behandelt wurden. Knapp sieben Prozent aller Schulkinder (zehn bis 17 Jahre) suchten 2017 wenigstens einmal einen Psychotherapeuten auf; im Durchschnitt 2,7 Mal pro Jahr.
Warnzeichen frühzeitig erkennen
Elternhaus, Lehrer und das gleichaltrige Umfeld: „Diese Faktoren können gleichzeitig Risiko-, wie auch Schutzfaktoren darstellen“, sagt Schwarzmeier. „Ein Hinsehen und ein offenes Ohr der Eltern“ spiele eine Schlüsselrolle.
Doch wo hinsehen? Warnzeichen können ganz unterschiedlich aussehen: Verhaltensweisen, die nicht dem Alters- beziehungsweise Entwicklungsstand entsprechen gehörten, so Schwarzmeier, ebenso dazu wie eine unzureichende Konzentrationsfähigkeit, Veränderungen oder Auffälligkeiten im sozialen Umgang, Einbrüche im Leistungsverhalten, eine Veränderung des Essverhaltens oder der eingangs erwähnte Schulabsentismus.
Für betroffene Schüler und Eltern gibt es zahlreiche Anlaufstellen. Sie könnten sich – wenn an der Schule vorhanden – an den Schulsozialarbeiter wenden, erklärt Renate Schwarzmeier. Oder sie suchen Beratungslehrer sowie die Schulpsychologischen Beratungsstellen auf. „Hier erfolgt keine Diagnostik, jedoch eine erste Beratung und gegebenenfalls eine Weiterleitung an Fachspezialisten.“ Der Sonderpädagogische Dienst der Staatlichen Schulämter sowie die Arbeitsstelle Kooperation (ASKO) und die Autismusbeauftragten am Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung stellten eine Anlaufstelle vor allem für Eltern dar. Diese unterstützen die Schulen im Umgang mit psychischen Störungen und die Anwendung des Nachteilsausgleichs.