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Coronavirus

Schichtbetrieb im Pferdestall

Archivartikel

Sondernheim.Das große grüne Tor zum Kennelhof im südpfälzischen Sondernheim ist zugeschoben. Dahinter putzen zwei Frauen in der Frühlingssonne ihre Pferde, auf dem Platz übt eine Reiterin Dressurlek- tionen. Es ist wenig los, obwohl auf dem Biolandhof der Familie Bumiller etwa 60 Pferde leben und die Besitzer der Tiere Fütterung und Misten selbst organisieren. „Die Corona-Krise hat unseren Alltag völlig umgekrempelt. Ein Teil der täglichen Arbeit besteht im Moment darin, sich Gedanken zu machen, wie wir alles organisieren können, um eine optimale Versorgung im Notfall sicherzustellen“, berichtet Betriebsleiter Paul Bumiller. Gemeinsam mit Trainer David Oscarsson kümmert sich der 30-Jährige derzeit um den landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern. Über das Hofhandy halten die beiden per WhatsApp Dauerkontakt mit den Pferdebesitzern, die sich große Sorgen machen, dass sie nicht mehr zu ihren Tieren dürfen: „Alle sind verunsichert, weil sich die Er- eignisse überschlagen. Dafür habe ich vollstes Verständnis. Deshalb haben David und ich mehrere Szenarien durchgespielt. Und wir sind überzeugt, dass wir es zu zweit schaffen, alle Pferde zu versorgen und im Quarantänefall auch artgerecht zu bewegen“, betont Bumiller.
„Vereine und Betriebe müssen Maßnahmen ergreifen, die gleichzeitig die Gesundheit der Menschen und der Pferde unter den Tierschutzvorgaben sicherstellen. Und zwar unter der Maßgabe, dass bestimmte Hygiene-Regeln eingehalten werden, um das Virus nicht noch weiter zu verbreiten“, erläutert der Generalsekretär der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), Soenke Lauterbach. Das nehmen Bumiller und Oscarsson sehr ernst. „Die erste Maßnahme war es, am vergangenen Wochenende den Hof für Besucher komplett zu sperren. Denn an schönen Tagen kommen viele Familien mit Kindern zum Pferde gucken. Im Moment möchten wir aber, dass sich nur eine Person um ein Pferd kümmert. Das kann der Besitzer oder eine Reitbeteiligung sein“, erklärt Bumiller. Familienangehörige, Freunde und Gäste müssten draußen bleiben. Deshalb solle jeder das Hoftor nach dem Durchfahren wieder zuschieben. „Das klappt sehr gut. Alle haben Verständnis, und wir können die Einsteller schützen, ohne sie völlig ihrer Freiheit zu berauben.“
Hufschmiede und Tierärzte dürften weiterhin auf dem Kennelhof arbeiten, „wenn sie ihre Kontaktdaten hinterlassen, damit wir im Falle einer Infektion wissen, wer wann auf dem Hof war.“ Termine mit Sattlern, Osteopathen oder Physiotherapeuten müssten indes verschoben werden. Überall in den Stallungen, am Reitplatz und in der Sattelkammer hängen außerdem blaue Plakate mit Hygienehinweisen. „Auch Arbeitsgeräte wie Besen oder Schubkarren dürfen nur noch mit Handschuhen angefasst werden“, ergänzt der Betriebsleiter.
David Oscarsson, der als freiberuflicher Islandpferdetrainer normalerweise auch auf anderen Höfen unterrichtet, betreut nur noch Schüler aus dem heimischen Stall. „Ich mache ausschließlich Einzelunterricht und fahre nirgends hin“, berichtet der 28-Jährige. Da er auch junge Pferde ausbildet, stehen einige Berittpferde auf dem Hof. „Weil die Besitzer ihre Vierbeiner nicht mehr besuchen dürfen, mache ich viele Videos oder Fotos und schicke sie ihnen regelmäßig.“Dass der Kreis die Einschränkungen für die Menschen ab Samstag verschärft, trifft das eingespielte  Kennelhof-Team nicht unvorbereitet: „Wir werden jetzt einen Schichtbetrieb einführen, so dass jedem eine bestimmte Zeit zur Versorgung seines Pferdes zur Verfügung steht“, erklärt Bumiller. Wer einen system-relevanten Beruf ausübe, werde bevorzugt behandelt. Wie die Kreise Germersheim, Südliche Weinstraße und die Stadt Landau am Freitag mitteilen, ist zwar der Aufenthalt auf öffentlichen Plätzen ab Samstag verboten, die Menschen dürften aber weiterhin für dringende Angelegenheiten wie Einkauf oder Arztbesuch das Haus verlassen. Auch Spaziergänge, Joggen oder Gassi gehen mit Haustieren sei weiterhin erlaubt – allerdings nur alleine oder mit Familienangehörigen. 
Die Reiterliche Vereinigung stellt für Menschen, die Pferde versorgen müssen, auf ihrer Internetseite eine „Eigenerklärung“ zum Download bereit. „Die Notversorger sollten das ausgefüllte Musterformular immer bei sich haben und sich auf der Reitanlage streng an die Hygieneregeln halten“, rät Soenke Lauterbach.
„Ich bin dankbar, dass die Vorgaben der Behörden klar sind und sich gut umsetzen lassen“, ist Paul Bumiller zuversichtlich, dass es auf dem Kennelhof auch in der Corona- Krise rund läuft. „Wenn alle zusammenhalten, packen wir das“, sagt Oscarsson und klopft dem Islandpferd „Omi“  herzlich seinen schwarzen Hals.