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Mannheim

Telefonaktion Drogen: „Mit dem Kind das Gespräch suchen“

Archivartikel

Mannheim.Was sind die Gefahren von Cannabis und anderen illegalen Drogen? Wie kommt ein Betroffener von der Sucht weg? Experten des Mannheimer Drogenvereins geben bei einer aktuell laufenden Telefonaktion Auskunft auf Fragen von Nutzern und Lesern sowie auf Fragen, die die Redaktion für spannend hält.

Frage: Mein Kind raucht Cannabis oder nimmt Ecstasy-Tabletten – wie soll ich mich verhalten?

Kirstin Klemp vom Drogenverein antwortet: “Grundsätzlich sollten Sie mit Ihrem Kind das Gespräch suchen, dort Ihre Beobachtungen und Sorgen mitteilen und klar Ihre Erwartungen bezüglich des Konsums verdeutlichen. Es bietet sich an, derartige Gespräche nicht plötzlich zu führen, sondern sie an einem festen Zeitpunkt zu führen und für eine störungsfreie Zeit zu sorgen. Außerdem sollten Sie sich als Eltern im Vorfeld besprechen. Dies gilt auch, wenn Sie getrennt leben sollten. Eine gemeinsame Haltung gegenüber Ihrem Kind ist ein notwendiger Grundbaustein. Zusätzlich können Sie sich zur Vorbereitung im Internet informieren. Eine empfehlenswerte Broschüre „Rauschmittelkonsum im Jugendalter – Tipps für Eltern“ finden sie unter www.dhs.de. Führen die Gespräche aus Ihrer Sicht nicht zum Erfolg oder hat sich der Drogenkonsum Ihres Kindes verfestigt, sind Familiengespräche oder auch getrennte Gespräche in einer Beratungsstelle ratsam. Auf neutralem Boden mit einer familienunabhängigen Person ist die Kommunikation oft konfliktfreier und damit lösungsorientierter.“

Frage:  Apropos Sucht - wie sieht es denn mit den neuen Medien wie etwa Computerspiele, Chats oder Internetportalen aus. Ab wann wird es gefährlich?

Philip Gerber vom Drogenverein antwortet: „Die Weltgesundheitsorganisation hat „Medienabhängigkeit“ als Krankheit in den neuen Diagnosenkatalog aufgenommen. Dieser wird in zwei Jahren gültig sein. Es wird immer dann gefährlich, wenn ich selbst die Nutzung nicht mehr steuern kann und zum Beispiel länger online bleibe, als ich mir vorgenommen habe. Oder wenn ich trotz sozialer Konflikte mit Partnern oder Eltern weitermache oder sogar heimlich ins Netz gehe. Ein weiteres Merkmal wäre, wenn ich morgens in der Schule oder bei der Arbeit schon sehnsüchtig ans Spielen denke oder wenn ich mich immer mehr aus meinen sozialen Kontakten zurückziehe. Eine gute Möglichkeit, sich selbst zu überprüfen, bietet die Internetseite www.ins-netz-gehen.de. Dort kann man einen Selbsttest machen. Fällt der positiv aus, dann ist das Verfahren wie bei den stofflichen Abhängigkeiten, also Eingeständnis und schrittweisen Entzug. Das heißt: Messenger-Dienste vom Handy löschen, auf YouTube verzichten oder die Spielkonsole auf den Speicher räumen. Eltern können sich mit ihren Kindern an die Beratungsstelle von Caritas und Diakone wenden: D7, 5, Tel . 0621-12506-130, Mail: suchtberatung@cv-dw-mannheim.de

Frage: Wie kommt ein Betroffener von der Sucht weg?

Andreas Rutz vom Drogenverein antwortet: „Eine grundsätzliche Notwendigkeit besteht im Eingeständnis der Sucht. Außerdem bedarf es des Wunsches  nach einer Veränderung. Viele Konsumenten unternehmen dann eigene Versuche. Diese sind oftmals von Erfolg geprägt. Wichtig ist, sich von Freunden oder der Familie Unterstützung zu holen und die Veränderung zu planen und vor allem für die ersten konsumfreien Tage einen stark detaillierten Plan zu machen und diesen zu befolgen, da mit Entzugssymptomen gerechnet werden muss. Personen, die von der Substanz Alkohol oder der Medikamtengruppe Bezodiazepine abhängig sind, sollten eigene Versuche unbedingt unterlassen und sich ärztliche Hilfe holen, da der Entzug tödlich sein kann. Seit ein paar Jahren kann sich jede Person auch über im Internet vorhandene Programme anonym unterstützen lassen. Einen Überblick über empfehlenswerte Programme gibt es unter www.drugcom.de. Wer sich eine professionelle Begleitung wünscht kann sich in jeder Stadt an eine Suchtberatungstelle wie in Mannheim dem Drogenverein wenden und dort über Einzelgespräch oder auch Gruppenangebote beraterisch/therapeutisch begleitet werden. Die Angebote sind kostenlos, und auf Wunsch wird anonym beraten. Außerdem ist es ratsam,  eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen und sich von anderen ehemaligen Konsumenten unterstützen zu lassen.“

Frage: Was sind die Gefahren von Cannabis oder anderen illegalen Drogen?

Kirstin Klemp vom Drogenverein antwortet: „Die körperlichen Auswirkungen unterscheiden sich je nach Substanz. Sie gehen von Schädigungen der Atemwege über Belsatungen des Herz-Kreislaufsystems hin bis zu Veränderungen im Gehirn und der Entwicklung von Psychosen. Allen Drogen gemeinsam ist, dass sich durch den Konsum eine psychische Abhängigkeit entwickeln kann. Dann kann der Konsument seinen Konsum nicht mehr oder nur schwer steuern. Er beherrscht nicht mehr die Drogen, sondern die Droge beherrscht ihn. Bei Alkohol, Medikamenten und Opiaten entsteht zusätzlich eine körperliche Abhängigkeit. Neben den körperlichen Gefahren ist vor allem ein dauerhafter Drogenkonsum von sozialen Gefahren begleitet. Cannabis z.B. führt bei vielen Konsumenten zu einer Trägheit und Antriebslosigkeit. Dadurch werden Ziele wie ein Schul- oder Berufsabschluss nicht mehr fokussiert verfolgt, was für die Zukunft starke Folgen hat. Außerdem ist der Besitz  einer illegalen Droge immer strafbar und wird bei einer Anzeige auch der Führerscheinstelle gemeldet, was den Verlust des Führerscheins zur Folg haben kann.“ 

Sollten Eltern einen Drogentest erzwingen?

Frage: "Können wir unseren 16-jährigen Sohn ohne dessen Zustimmung untersuchen lassen, ob außer Cannabis noch weiterer Drogenkonsum erfolgte? Falls ja, wo? Unser Sohn behauptet, höchstens mal an einem Joint gezogen und etwas Alkohol getrunken zu haben, was wir seinem Aussehen nach nicht glauben können."

Philip Gerber vom Drogenverein antwortet: „Obwohl Sie aufgrund des Alters Ihres Sohnes eine Untersuchung des Urins oder der Haare veranlassen könnten, würde ich Ihnen dieses Vorgehen nicht raten. Aus meiner Sicht wäre es sinnvoller, eine derartige Untersuchung Ihres Sohnes von ihm zu fordern und sich im Vorfeld zu überlegen, was für Konsequenzen erfolgen werden, wenn er sich weigert.  Es kann ja auch für Ihren Sohn eine Chance sein, den Beweis anzutreten, dass er drogenfrei lebt. Eine zwangsweise Durchführung belastet oftmals das Verhältnis und ist daher höchstens das letzte Mittel. Auch würde ich Ihnen raten, Ihr Vorgehen im Rahmen einer Angehörigenberatung in einer Suchtberatungsstelle oder Erziehungsberatungsstelle zu besprechen. Drogenscreenings können bei allen Hausärzten, im rechtmedizinischen Institut, bei MPU-prüfenden Stellen oder selbst gemacht werden. Da es sich um eine Kann-Leistung der Krankenkassen handelt, sind diese kostenpflichtig. Selbsttests können bei Apotheken und im Internet bezogen werden.  Bei allen Varianten ist es wichtig zu wissen, auf welche Sustanzen getestet werden soll.“

Telefonaktion des "MM" zum Thema Drogen und Sucht 

Fragen wie diese rund ums Thema Drogen und Sucht beantworten Experten des Mannheimer Drogenvereins am Mittwoch, 26. Juni, bei einer Aktion dieser Zeitung. Von 14 bis 16 Uhr ist Kirstin Klemp unter der Nummer 0621/392-2501 erreichbar, Andreas Rutz unter 0621/392-2502 und Philip Gerber unter 0621/392-2503. Fragen an die Experten können zudem schon vorab eingereicht werden – auch anonym. Dazu ist unter morgenweb.de/telefonaktion ein entsprechendes Formular angelegt. Auch die eingangs aufgeführte Frage ist auf diesem Weg zu uns gekommen.

Antworten gibt es am Aktionstag ab 14 Uhr unter morgenweb.de und am darauffolgenden Freitag in der Printausgabe. Anlass für die Aktion ist der Internationale Tag gegen Drogenmissbrauch am 26. Juni. Dabei geht es in erster Linie um die Aufklärung über illegale Drogen. Die Experten bei unserer Telefonaktion geben aber auch Auskunft zu Themen wie beispielsweise Alkohol-, Medikamenten-, Nikotin-, Glücksspiel- oder Computerspielsucht.