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Von der Kraft der Kunst

Sie haben es bemerkt, liebe Leser: Ihre Tageszeitung erscheint heute etwas verändert. Vor Ihnen liegt ein Heft voller Kunst und Kultur, voller Geschichten über Menschen, die in irgendeiner Form mit kreativen Prozessen in der Gesellschaft zu tun haben – Künstler, Designer, Sponsoren, Tätowierer, ehrenamtliche Helfer, Landschaftsarchitekten oder Modeleute. Sie alle wirken mit an dem, was unserer Gesellschaft vielleicht ein schöneres, in jedem Fall aber ein menschlicheres Gesicht verleiht: am Alltag, und zwar Alltag verstanden mit allem, was dazugehört, vom unbeseelten, aber ästhetischen Objekt bis hin zur reinen Kunst, die manchem bekanntlich die Welt bedeutet.

Denn was und wo wäre der Mensch, was wäre die Gesellschaft ohne die Kunst und Kultur? Der Philosoph Friedrich Nietzsche meinte: „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.“ Die Wahrheit, für Journalisten ohnehin das höchste Gut, ist wichtig. Doch schön ist sie selten. Deswegen muss das Leben mit dem Wissen nur von ihr ein Irrtum sein. Auch dies ein schöner Aphorismus Nietzsches.

Deutschland begreift sich als Kulturnation. Es ist eine Gemeinschaft von Individuen, die durch Sprache, Tradition, Kunst und Geschichten zusammenhält. Sie muss sich auch auf einen moralischen Wertekanon einigen. Wer all dies pflegt, schafft Kultur. Kultur ist Kitt und Seele der Nation, sie bietet Prozesse der Selbstwahrnehmung und der Selbstgestaltung für die Gesellschaft. Gerade heute, wo alles auseinanderdriftet und in winzige soziale Nischen zerstäubt, ist Kultur eine letzte Möglichkeit, Identifikation, Gemeinschaft, ein kollektives Erleben zu schaffen, kurzum: ein Ort zu sein, an dem alle sich treffen. So gesehen ist diese Ausgabe auch ein Bekenntnis für die Möglichkeit von Gemeinschaft.