Biblis

Bibliser Geschichten In der Gartenstraße wurde bis ins 20. Jahrhundert der Ofen fürs ganze Dorf angeheizt / Strenge Vorgaben regeln Nutzung

Altes Backhaus dient als geselliger Treffpunkt

Wattenheim.Viele der schönen, alten Straßennamen sind nach dem Zweiten Weltkrieg verschwunden oder wurden einfach umgeändert. Darunter auch viele im kleinsten Ortsteil von Biblis, Wattenheim. Auch die Backhesgass hat ihren Namen verloren und heißt seitdem ganz einfach Gartenstraße.

Der Begriff Backhes erinnert an eines der ältesten Bannbackhäuser in Südhessen, das schon im Jahr 1653 schriftlich erwähnt wurde. Genauso wie Biblis gehörte auch Wattenheim ab 1232 zum Kurfürstentum Mainz. Der geistliche Landesherr verfügte, dass in seinen waldarmen Ländereien, quasi der ganzen Ebene, keine Backhäuser bei den einzelnen Bauernhöfen errichtet werden durften. Das betraf auch Wattenheim. Stattdessen gab es nur ein großes Backhaus im Besitz des Landesherrn. Später ging es dann an die Gemeinde über.

Es gab einen angestellten Bäcker, den Back-hes. Das ist ein sehr alter Begriff aus der Mundart für diesen Beruf.

Alle Einwohner durften ihre Brote nur in dem unter dem Bann, also dem Benutzungszwang, des Landesherrn stehenden Bannbackhaus backen. Sie brachten ihre Brotteige an einem festgelegten Tag zu festgesetzter Zeit dem Bäcker – alsodem Back-hes – und konnten etwa drei Stunden später die fertigen Brote abholen.

Wattenheim war dem kurmainzischen Amt Gernsheim zugeteilt. Schon bald entstand ein großes Backhaus mit mehreren Backtrögen, um den Bedarf nicht nur für Wattenheim, sondern auch für einen weiten Umkreis bis nach Gernsheim zu decken.

Der Backzwang wurde erst um das Jahr 1830 herum aufgehoben. Das Bannbackhaus wurde nur noch gelegentlich gemeinsam von allen Ortsbürgern genutzt. Noch in den 1920er Jahren fand man sich zusammen, um die allseits beliebten „Quetschekuchen“ zu backen. Etwa acht große Bleche hatten gleichzeitig Platz im großen alten Backofen.

Etwa im Jahr 1949 wurde das Backhaus abgerissen, um einem Gemeindewohnhaus Platz zu machen. Heute erinnert nur noch eine Tafel an dem Gebäude an das frühere Backhaus, das eine Zeit lang ein wichtiges Zentrum des Gemeindelebens war.

Kuchen auf dem Blech

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war es in Biblis noch üblich, dass eigene Erzeugnisse zu einem der Bäcker im Ort gefahren und dort gebacken wurden. Brot gab es in der Regel zu kaufen. Kuchen bereiteten viele Hausfrauen dagegen selber vor, gebacken wurde dann aber auswärts.

Die Bäckereien, beispielsweise der Betrieb Kohr in der Fischergasse, nutzten oft die Restwärme des Ofens, um darin – vor allem samstags – die Kuchen der Leute aus der Nachbarschaft fertigzustellen. Die oft riesigen Bleche mit Apfel- oder Zwetschgenstreusel passten nämlich gar nicht in den Herd zuhause. Im Teig steckte ein Zettel mit dem Namen der Familie, die ihn gebracht hat, damit man die Kuchen später zuordnen konnte.

Die Bleche wurden oft von den Kindern auf dem Bollerwagen hingebracht und auch wieder abgeholt. Wobei dann allerdings auf dem Heimweg schon an den frischen Streuseln gepickt wurde, denn die schmeckten besonders gut.

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