Biblis

Tag des offenen Denkmals Der berühmte Baumeister Georg Moller hinterlässt in Biblis seine Handschrift / Führungen durch den Trausaal und zur „Gummernfraa“

„Altes Rathaus“ eine wertvolle Besonderheit

Biblis.„Hier an der Seite gab es eine Treppe“, berichtete Hans Georg Müller bei der Führung am „Alten Rathaus“ in Biblis. Und Manfred Gölz erzählte, wie das heutige Trauzimmer im ersten Stock früher aufgeteilt war. Referent Günter Mössinger, Vorsitzender des Vereins für Heimatgeschichte Nordheim, ermunterte Zeitzeugen, ihre Erinnerungen einzubringen. „Es gibt noch so viel hier zu erforschen und zu entdecken“, sagte er und freute sich über jedes neue Puzzleteil zum „Alten Rathaus“. Die Führungen gehörten beim „Tag des offenen Denkmals“ zum Programm. Das Motto in diesem Jahr: „Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur.“

Allein bei der ersten Führung kamen etwa dreißig Besucher vorbei, um sich näher über das „Alte Rathaus“, die Geschichte der Gummernfraa aus Biwwels sowie über die frühere Synagoge zu informieren. Günter Mössinger und Vereinskollegin Gisela Gibtner nahmen die Zuhörer mit auf Zeitreise. Los ging es vor dem Alten Rathaus in Biblis, einem zweigeschossigen spätklassizistischen Gebäude mit Walmdach, erbaut in den Jahren 1834 bis 1839 nach den Plänen des großherzoglichen Hofbaumeisters Georg Moller und unter der Bauleitung des Kreisbaumeisters Nikolaus Kröncke.

„Das Bibliser Rathaus ist eine Besonderheit, ich weiß nicht, ob es noch ein weiteres Rathaus von Moller gibt“, erläuterte Mössinger, darauf könnten die Bibliser sehr stolz sein. In Darmstadt hat Moller in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele Projekte verwirklicht und etwa den „Langen Ludwig“, das städtische Wahrzeichen mitten auf dem Luisenplatz, entworfen.

Mössinger beschrieb die Entwicklung des Rathausbaus, und Gisela Gibtner zeigte den Zuhörern entsprechende Bilder aus verschiedenen Zeiten. Mössinger zeigte auf den sandsteinernen Gurtsims zur horizontalen Gliederung der straßenseitigen Fassade, Rundbogen überwölben die Portal- und Fensteröffnungen im Erdgeschoss. Das Obergeschoss schmücken schlanke, rechteckige Fenster. Zur Kirchstaße hob Mössinger den Mittelrisalit – den Vorsprung über die gesamte Gebäudehöhe – hervor und auch das Eingangsportal, das nach oben in einem quadratischen Glockenturm endet.

Stuckarbeiten im Trausaal

Früher waren im Rathaus auch die Feuerwehr und die Schule untergebracht, ebenso Gemeindekasse und Gendarmeriestation. In den 1950er und 1960er Jahre wurden das Rathaus gründlich überholt, die Raumaufteilung verändert. Hiervon konnte Manfred Gölz, früherer Bauamtsleiter, berichten. Mössinger forderte ihn spontan auf, seine Erinnerungen zu teilen, als sich die Führung in den Trausaal begab. Dieser war früher dreigeteilt, ein kleiner Bereich gehörte dem Bürgermeister, wo auch die Trauungen und Sitzungen einst stattfanden. Als der Bereich neugestaltet wurde, entdeckte man unter der abgehängten Decke Stuckarbeiten. „Der Raum wurde neugestaltet und ist heute ‚die gute Stube‘ im Rathaus“, so Gölz. In der „gut‘ Stubb“ hatte der Verein für Heimatgeschichte Nordheim zudem historische Bilder des Rathauses an Stellwänden angebracht. Weiter ging die Führung zur Geschichte von Katharina Reis, einer Frau mit innovativen Ideen. 1882 begann der große Boom, der Biblis zu einer Gurkenmetropole machte, Bilder zeigen, wie die Straßen zum Markt damals voll mit Gurken lagen. Katharina Reis, die einen Gurkenhandel gründete, wanderte im Jahr 1988 nach Amerika aus, wo sie ebenfalls Gurken anbaute. Ein Denkmal vor dem Alten Rathaus erinnert an die „Gummernfraa von Biwwels“ und an die Geschichte der Gurken im Ort.

Mössinger berichtete bei der Führung zudem über die Jüdische Gemeinde, die 1821 den Bau einer Synagoge beantragte, die in der Enggasse 6 dann 1831 errichtet wurde, nahe des Alten Rathauses. Während der Novemberpogrome 1938 wurden die jüdischen Wohnungen verwüstet, die Synagoge in Biblis aber nicht angezündet, da wohl die Gefahr zu groß war, dass das Feuer auf Nachbargebäude übergreift.

Die Synagoge diente nach 1945 als Volksküche für ausgebombte Familien. Später zog eine Schreinerei in das Gebäude ein, bis die frühere Bibliser Synagoge im Jahr 1981 – mittlerweile baufällig – dem Neubau des Rathauses weichen musste.

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