Biblis

Verkehr Gemeinde legt Einspruch gegen Pläne der Bahn ein – 21 Bürger ebenfalls / Kusicka sieht Wertverlust von Grundstücken

Biblis sperrt sich gegen einseitige Lärmschutzwand

Biblis.Die Gemeinde Biblis hat gegen die Lärmschutzpläne der Bahn Einspruch eingelegt, wie Bürgermeister Felix Kusicka auf Nachfrage dieser Zeitung erklärt. Er habe wegen der seiner Meinung nach zu spärlichen Bauart und Ausdehnung einer neuen Lärmschutzwand entlang der Bahnstrecken in Biblis große Bedenken. Die Pläne der Bahn lagen sechs Wochen im Rathaus zur Einsicht offen, inzwischen ist die Frist für Einsprüche abgelaufen. Neben der Gemeinde haben 21 Bürger Einspruch beim zuständigen Regierungspräsidium in Darmstadt eingelegt. Der Verwaltungschef rechnet mit einem Erörterungstermin im Frühjahr.

Die Färbungen in unserer Grafik stehen für den jeweils gemessenen Lärm, die Einheit dB(A) gibt den Schalldruckpegel wieder. Rot bezeichnet hier einen Pegel von 62 und mehr; wobei 60 dB(A) dem Geräusch eines Rasenmähers aus rund zehn Metern Entfernung entsprechen. In diesem Bereich sieht die Bahn Lärmschutz durch eine Wand beziehungsweise „passiven Lärmschutz“ vor; etwa in Form maximal 75-prozentiger Bezuschussung von Lärmschutzfenstern.

Gütertrasse Rotterdam-Genua

Wie die Grafik zeigt, soll entlang der Bahnlinie von der L 3261 im Osten bis auf Höhe der Straße Brücklache im Westen eine Lärmschutzwand entstehen. Das heißt, nicht auf beiden Seiten der Gleise, sondern nur auf der östlichen. Die Bahn sieht für diese Wand eine sogenannte schallbrechende Oberfläche vor. Sie ist mit Löchern versehen, die den Schall schlucken sollen.

Anwohner erklären, solche Wände hätten sich andernorts bereits als untauglich erwiesen. Die Löcher würden sich rasch mit Schmutz zusetzen, mitunter seien auch Vogelnester vorgefunden worden. Ergebnis: Die Oberfläche ist nicht mehr schallbrechend, sondern dicht, der Lärm prallt ab und wird verstärkt. So empfinden Bewohner etwa der Ostpreußenstraße, die mehrere Acker breit von den Gleisen entfernt ist, die Bahngeräusche heute als erträglich.

Sie befürchten aber, dass die Lärmschutzwand das Gegenteil ihres Wortsinnes bewirken wird – nämlich dass die Züge erheblich lauter sind als zuvor. „Ich stimme den Anwohnern voll und ganz zu. Das wird so kommen“, sagt Felix Kusicka. Hinzu komme, dass diese Strecke künftig Teil der Nord-Süd-Achse für den Güterverkehr Rotterdam-Genua sei.

Auf Höhe der Kreuzung mit der Berliner Straße zweigt die Strecke nach Mannheim ab. Ihr soll die Wand folgen – bis zur Straße Bücklache. Diese Bemessung bezeichnet Kusicka als viel zu knapp. Denn sie decke die tatsächliche Wohnbebauung nicht ab.

„Kalte Enteignung“

Ein weiterer Grund für den Einspruch der Gemeinde ist die Absicht der Bahn, die Wand beim Alten Friedhof zu unterbrechen, weil hier nicht unmittelbar Wohnhäuser stehen. Diese Begründung will der Bürgermeister nicht gelten lassen. Einerseits würde der Schall über den Platz hinweg bis zur Bebauung reichen, andererseits sei der Alte Friedhof ein Park zur Erholung.

Dass die Bahn in den unbebauten Rübgärten westlich der Gleise ohne vorherige Rücksprache mit der Gemeinde über 4000 Quadratmeter als Ausgleichsfläche für die Lärmschutzwand eingeplant hat, ärgert Kusicka. Hier handle es sich womöglich um Bauerwartungsland, und die Absicht der Bahn bedeute „kalte Enteignung“ der Gemeinde als Eigentümerin der Fläche.

Dieser Begriff fällt ihm auch mit Blick auf den gesamten westlichen Bereich der Bahnlinie ein, an dem wie gesagt keine Wand vorgesehen ist. Kusicka: „Wir können Grundstücke hier entweder gar nicht oder nur mit Erlösverlusten vermarkten.“

Ein Meter Lärmschutzwand koste bei drei Metern Höhe 1500 bis 2000 Euro; in Biblis seien etwa 700 Meter geplant, so Kusicka. Addiert ist das mindestens eine Million Euro Investition für die Bahn. Mit Hinweis auf das laufende Verfahren will sich das Unternehmen derzeit nicht zu den Einsprüchen äußern.

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