Biblis

Tradition Norbert Linn blickt auf erlebnisreiche Jahre zurück, die er in seinen Reden festgehalten hat

Bibliser Kerwevadder hört auf

Archivartikel

Biblis.Vor ihm liegen all seine Reden, voll mit Anekdoten aus dem Ort, mit witzigen Pointen, schelmischem Augenzwinkern, aber auch mit kritischen Worten. Kerwevadder Norbert Linn verband in seinen Kerwereden gereimten Spaß mit Wahrheiten, die sich nicht jeder auszusprechen traut. Langweilig waren seine Reden jedenfalls nie, gaben sie doch immer ein aktuelles Bild der Biwwelser Lage ab. Im elften Jahr seiner Amtszeit geht Norbert Linn nun in den Ruhestand und gibt die Position des Kerwevadders von Biblis auf.

Die Kerwe hatte es nie leicht in Biblis, stand sie doch oft im Schatten des großen Gurkenfestes. Nach und nach ging die Tradition des Kerwefeierns in Biblis verloren. Oftmals wurde sie nur noch in den Gaststätten hochgehalten. So entstand auch die neue Kerwe-Ära in Biblis – mit Norbert Linn als Kerwevadder.

„Alles begann im Sommer 2008“, erinnert er sich. Da war er zu Besuch im damaligen Deutschen Haus bei Wirt Ottmar Lehmann, der ein Jahr zuvor eröffnet hatte. Lehmann sprach seinen Freund Costa Tanios damals an, ob er jemanden kenne, der den Kerwevadder machen könne. „Costa deutete auf mich und sagte: ,Do steht der!’“, schmunzelt Linn. Der Wirt legte ihm dann die kurze Rede vom Vorjahr hin. „Da wusste ich: ,Das kannst du besser’, und habe zugesagt“, so Linn.

Er hätte seine Kerwerede gern samstags am Deutschen Haus verlesen, aber zu diesem Zeitpunkt war der Freitag noch der Favorit des Wirtes. Als Linn das erste Mal auf der Leiter stand, kamen 26 Zuhörer ins Deutsche Haus. „Die meisten gehörten zu meinem Theater-Verein ,Kleiner Bär und Company’ und unterstützten mich“, freut sich Norbert Linn noch heute.

Auf Samstag verlegt

Doch es sprach sich herum, dass es in Biwwels wieder einen Kerwevadder gibt – und, das dessen Reden es in sich hätten. Wobei Linn stets Wert darauflegte, sachlich zu bleiben und nie unter die Gürtellinie zu gehen. Bei seinem zweiten Auftritt auf der Leiter kamen schon 40 Gäste. Im dritten Jahr wurde die Rede schließlich auf den Samstag verlegt und fand dann im damals neuen Biergarten des Deutschen Hauses statt. Da war dann richtig was los, um die 200 Besucher fanden sich ein. Jubel brach aus, als Norbert Linn hier zum ersten Mal seine Kerwemädschen präsentierte – statt Borsch.

Besonderes Lob

Ein besonderes Erlebnis sei für ihn gewesen, als ihm eine Besucherin sagte, sie wohne seit zehn Jahren in Biblis, komme aber ursprünglich aus einer anderen Gegend, in der man die Tradition der Kerwe nicht kenne. Der Abend mit der Rede sei für sie der schönste Abend gewesen, seit sie hier wohne.

Kritik gab es auch. Gerade, weil er kein Blatt vor den Mund nahm und Dinge aussprach, die nicht allen gefielen. Jedoch hätten die positiven Rückmeldungen überwogen. Linn war immer nah dran am Ortsgeschehen, sammelte selbst Geschichten über Begebenheiten im Ort. Viele wurden ihm zugetragen.

Im vergangenen Jahr stand er zum zehnten Mal als Kerwevadder auf der Bühne in Bellas Biergarten, wo die Kerwefeierlichkeiten nun stattfanden. Statt einer Leiter gab es für ihn hier einen elektrischen Flaschenzug, mit dem der Kerwekranz aufgehängt wurde. „Altersgerecht halt“, meint Linn lachend. Doch leider habe er auch beobachten müssen, dass der Trend zur Kerwe rückläufig war. Hinzu kam, dass die Kerwe durch die zeitgleiche Straßenveranstaltung „Herbstvielfalt“ im Ort in den Hintergrund gerückt sei.

Schon damals habe er gespürt, dass das nicht mehr seiner Vorstellung von Kerwe entsprach. Er entschloss sich aufzuhören. Dies habe er bereits im Frühjahr der Wirtin des Biergartens mitgeteilt.

Mit dem Herzen dabei

„Es hat mir immer viel Spaß gemacht, das Publikum hat stets gut mitgemacht. Die Menschen, die Kerwe feiern wollten, waren mit dem Herzen dabei. So wie ich“, meint Linn. Er ist den Weggefährten und allen, die ihn unterstützt haben, dankbar. Dazu gehören natürlich auch die Wirte und ganz besonders die Kerwemädscher. Nun sei es Zeit, die Schärpe und den Hut abzunehmen. Norbert Linn geht als Kerwevadder von Biwwels in den Ruhestand. Ob es einen Nachfolger geben wird, ist noch ungewiss.

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