Biblis

Die Zäsur

Archivartikel

Martin Schulte zum Wahlausgang in Biblis

Das Ergebnis der Bürgermeisterwahl in Biblis bedeutet einen tiefen Einschnitt: Es könnte die ultimative Zäsur zwischen über Jahrzehnte geübten Ritualen in Politik sowie Verwaltung und dem unkonventionellen Neuanfang in dieser Gemeinde darstellen. Der deutliche und deshalb sensationelle Sieg des politischen Nonames Volker Scheib bildet die Grundlage dafür. Scheib gehört weder einer Partei an, noch wurde er von einer unterstützt. Der Mann ist vollkommen unabhängig. Das macht ihn frei. Er muss für seine Ziele und Ideale Mehrheiten in der Gemeindevertretung finden – aber sich nicht daran erinnern lassen, dort jemandem etwas schuldig zu sein.

Scheibs so deutlicher Sieg veranschaulicht die große Distanz der überwiegenden Mehrheit der Bibliser zu Bürgermeister und Parteien. Sie wollten kein „weiter so“ und haben Felix Kusicka auf überaus deutliche Weise abgestraft. Für Kusicka gab es keinen Amtsbonus, für ihn waren seine fünfeinhalb Jahre als Bürgermeister das Gegenteil: der Grund, ihn aus dem Amt zu wählen. Der bienenfleißige Amtsinhaber hat es sich außerhalb und innerhalb des Rathauses durch sein wenig konziliantes Agieren mit sehr vielen Menschen verscherzt.

Gegenentwurf zu Kusicka

Volker Scheib verkörpert den Gegenentwurf zu Kusicka: Dem Schmied aus der Kirchstraße flogen die Herzen zu, weil er für Ideale wie gegenseitigen Respekt, Achtung und Diskurse abseits aller tradierten Feindbilder in der Gemeinde wirbt. Und das authentisch. Scheib sieht den Menschen im Mittelpunkt, nicht das Projekt. Er will reden mit seinen Biblisern. Sein Wahlergebnis spiegelt deshalb eine Sehnsucht vieler Bürger wider.

Auch dem desaströsen Ergebnis von SPD-Mann Ewald Gleich liegt der große Wunsch nach Veränderung zugrunde. Dass er allerdings als Letzter, noch hinter dem von der FLB unterstützten Kandidaten Ralph Bühler, über die Linie kam, ist schockierend und bedarf ganz sicher der Aufarbeitung innerhalb der SPD Biblis insgesamt. AfD-Mitglied Ralph Bühler hat es auf 6,3 Prozent gebracht. Damit ist der Rechtsaußen Gott sei Dank Geschichte in Biblis. Ein gutes Ergebnis für ihn wäre einem Fanal gleichgekommen. Die Wähler indes haben gesprochen: Nein, Biblis ist eben nicht das braune Dorf im Ried. Diese Botschaft hat umso mehr Strahlkraft, als die FLB schon erheblich besser abgeschnitten hat.

Anspruch gerecht werden

Sind Volker Scheib auch die Herzen zugeflogen, alle Türen stehen ihm deshalb noch lange nicht offen. Vor allem die in Verwaltung und Politik. Er wird nach seinem Triumph von Sonntag auf Unterstützung, auf guten Rat und Geduld seiner Umgebung angewiesen sein. In Rathaus und Kommunalpolitik beginnt der 57-Jährige noch mal ganz von vorne. Enttäuschten könnte es anfänglich leicht fallen, den neuen Bürgermeister zu behindern.

Dabei muss Volker Scheib selbst seinen eigenen Ansprüchen gerecht werden. Und er hat sehr hohe Ansprüche. Damit steht er nun bei seinen Wählern im Wort.

 
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