Biblis

Filminsel Gayle Tufts zwischen amerikanischem Enthusiasmus und deutscher Bodenständigkeit

Gut gelaunt – trotz Trump

Archivartikel

Biblis.„Don’t give up your Hoffnung.“ Am Mittwochabend setzte sich in der voll besetzten Bibliser Filminsel jemand auf sehr unterhaltsame Art und Weise mit Klischees auseinander, der wirklich Ahnung davon haben muss: Gayle Tufts, eine in den USA aufgewachsene und vor 28 Jahren nach Deutschland gekommene Entertainerin, die sich in ihrem Programm „American Woman: How I lost my Heimat and found my Zuhause“ zwei Stunden lang mit der Frage auseinandersetzte, was denn nun eigentlich typisch deutsch oder amerikanisch ist.

„Denglish“ als Markenzeichen

Seit die Wahl-Berlinerin in der Bundesrepublik lebt, steht sie auch auf der Bühne. Ihr Markenzeichen ist das „Denglisch“, also eine Mischung aus der deutschen und der englischen Sprache, die für das Publikum kurios anmutet, aber dennoch durchaus gut verständlich ist. Von Natur aus ist sie eine gut gelaunte und positiv ins Leben blickende Frau, wäre da nicht im Spätjahr 2016 ein Mann ins Weiße Haus gewählt worden, den Tufts zutiefst ablehnt.

Die Ernennung von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten sorgt gleich zu Beginn des Abends dafür, dass sie sich weinend am Boden windet und geraume Zeit ihrer Verzweiflung hingibt. Die massiven Proteste gegen dessen Politik sind es, die sie optimistisch stimmen, dass es 2020 zu keiner Wiederwahl kommen wird. Doch die 59-Jährige hat keine Lust auf schlechte Stimmung und wendet sich deshalb anderen Themen zu.

Da gibt es zum Beispiel ihren Freund, den sie nur „den Bremer“ nennt, und der seit bereits 20 Jahren in ihrem Leben Ruhepol und Fixpunkt zugleich ist. Das eher ruhige Nordlicht scheint der benötigte Kontrapunkt zu ihrer emotionalen Persönlichkeit zu sein. Dabei sieht sie sich zumindest teilweise als typisch amerikanisch.

Doch was zeichnet die Amis denn eigentlich aus? Eine „hysterische Hilfsbereitschaft“ wird genannt, ebenso ein allenthalben anzutreffender „Enthusiasmus, der vielleicht mit der ständigen Überzuckerung in Verbindung gebracht werden kann“. Andere Dinge in den USA kennt sie aus der eigenen Familie und würde gerne darauf verzichten: Ihr Bruder Ralph schleppt sich mit kaputten Knien und nur noch wenigen Zähnen im Mund durchs Leben, Probleme, die aufgrund des rückständigen Gesundheitssystems viele Menschen betreffen.

Tufts ist dankbar dafür, ihren Traumberuf ausüben zu dürfen, und sprüht nur so vor Lebensfreude. Einen der Höhepunkte ihrer Karriere teilt sie mit den Zuschauern und singt darüber sogar ein Lied mit dem Titel „My night with Florian Silbereisen“. In dessen Weihnachtsshow wird sie eingeladen und so berichtet sie von ihrem großen Abenteuer in der Mehrzweckhalle von Suhl. Fasziniert und befremdet zugleich lernt sie die Größen des deutschen Schlagergeschäfts kennen, taucht in eine fremde Welt ein und ist froh, sie bald darauf wieder verlassen zu dürfen.

Schon kommt sie auf das, was angeblich „typisch deutsch“ ist. Ganz oben steht für sie hier die „Tagesschau“, die seit Jahrzehnten pünktlich um acht Uhr abends jedes Wohnzimmer der Republik in eine Oase der Andacht verwandele. Ebenfalls nicht wegzudenken sei der sonntägliche Familienspaziergang, gefolgt von Kaffee und Kuchen.

Einbürgerungstest bestanden

Eine weitere deutsche Angewohnheit sei es, im Ausland immer gutes Brot zu vermissen. Doch scheinen diese Stereotypen sie nicht abzuschrecken, im Gegenteil. Zum Abschluss des gelungenen Auftritts wird aus der „American Woman“ die „deutsche Frau“. Fragen aus ihrem Einbürgerungstest stellt sie vor, 17 von 33 müssen korrekt beantwortet werden. Dies hat sie im November 2017 geschafft, seitdem ist sie nun offiziell eine Deutsche. Dass sie das zurecht ist, daran lässt sie keinen Zweifel: „Ich trage Hausschuhe, bin Mitglied in einem Verein und war schon auf Mallorca.“

Das Wichtigste von heute
Newsticker Südhessen Ticker
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional