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Geschichte Die Nordheimer Simultankirche brennt im Zweiten Weltkrieg ab / Gottesdienste in verschiedenen Sälen

Karge Weihnachtstage im ersten Friedensjahr

Archivartikel

Nordheim.Von der Simultankirche stehen nur noch die Grundmauern, viele Männer werden vermisst oder sind in Gefangenschaft. In den Familien herrscht Trauer, und Frauen versuchen ihre Kinder allein durch die schwere Zeit zu bringen. So sah es im ersten Nachkriegswinter 1945 in Nordheim aus.

Kirche niedergebrannt

„Im März des letzten Kriegsjahres wurde unsere Kirche beschossen, aber nicht getroffen. Dafür aber das benachbarte Gehöft, und das fing Feuer. Die Flammen griffen auf den Kirchturm und den Dachstuhl über. Sie brannte komplett nieder“, berichtet Pfarrer Arne Polzer. Es dauerte ganze zehn Jahre, bis der neue Kirchenbau eingeweiht werden konnte. 1944 gab es keine Messe an Weihnachten, erst ab 1945 wieder. Diese Gottesdienste mussten allerdings in konfessionell getrennten Räumlichkeiten abgehalten werden.

Die evangelischen Christen feierten entweder im Schulsaal, damals in der Schule „Zum Steiner Wald 15“, oder im „Sälchen“, das heute noch auf dem Gelände des evangelischen Gemeindehauses steht. Die Katholiken trafen sich im „Saal Weingärtner“ auf der Hauptstraße. In der Kirchenchronik vermerkt Pfarrer Helm, dass zwar am Heiligabend der Besuch gut war, aber am ersten Feiertag die Messe bei den Nordheimern nicht sehr hoch im Kurs stand. Dafür war die am zweiten Feiertag wieder beliebter.

„Man muss dazu sagen, dass die Pfarrer damals mit einem anderen, hochherrschaftlichen Anspruch unterwegs waren. Pfarrer Helm konnte nicht verstehen, dass die Menschen an den Weihnachtstagen lange zusammengesessen und ‚gefeiert‘ haben. Heute haben wir eine viel sozialere Einstellung. Die wird bereits im Studium vermittelt“, ergänzt Pfarrer Polzer.

Nachfolge angetreten

Pfarrer Helm schreibt noch: „1945 hat uns viel Schweres gebracht. Für 1946 schenke uns Gott Kraft und Zuversicht.“ Er war Nachfolger des früheren Pfarrers Ackermann, der nach schwerer Krankheit am 25. Oktober 1945 verstorben war. Bereits im August war Helm in Nordheim eingetroffen und hatte die Amtsführung übernommen.

Es waren insgesamt sehr karge Weihnachtstage im ersten Friedensjahr gewesen. „Die Leute waren froh, dass keine direkte Lebensgefahr mehr bestand. Aber die Geschenke fielen damals eher klein aus und beschränkten sich auf das, was man zum Leben brauchte“, erzählt Günter Mössinger, Vorsitzender des Vereins für Heimatgeschichte. Wie zum Beispiel selbst gestrickte Socken. Manchmal wurden auch Silberlöffel auf dem Schwarzmarkt eingetauscht für 200 Gramm Mehl, um daraus Plätzchen zu backen, ergänzt Pfarrer Polzer.

Stanniol eingesammelt

Als Lametta dienten Stanniolstreifen, die von feindlichen Fliegern damals zur Störung des Funkverkehrs und des Radars abgeworfen worden waren und die man überall in der Landschaft einsammeln konnte, erinnert sich Pfarrer Polzer. Damals wurde alles wiederverwendet, auch die Fallschirmseide, die zum Kleidernähen diente. „Eine Nordheimerin hatte sogar ihr Hochzeitskleid aus Fallschirmseide geschneidert“, berichtet Mössinger.

Und er erzählt noch von den Wachsbrocken, die am Rheinufer in großer Zahl angeschwemmt wurden. Grund dafür war vermutlich die Bombardierung von Mannheim und Ludwigshafen. „Die jungen Leute haben sie gesucht, eingesammelt und daraus Wachskerzen gemacht für den Weihnachtsbaum“, so Mössinger.

Der Schulunterricht war fast ein ganzes Jahr unterbrochen und setzte erst am 10. Dezember 1945 wieder ein. „Während vorher in der Schule beim Eintreten des Lehrers aufgestanden und erst mal der Führer bejubelt worden war, führte die neue Lehrerin andere Regularien ein“, berichtet Mössinger, der sogar eigens noch mit Nordheimer Zeitzeugen, die 1935 geboren worden waren, gesprochen hatte. Bei ihr hieß es „Aufstehen“ und dann folgte ein Gebet.

Hoffnung für die Zukunft

Der evangelische Kindergarten nahm langsam wieder seinen Betrieb auf. Die Lage am Rhein bedeutete gleichzeitig eine Zonengrenze, denn im Ried waren damals die Amerikaner, in Worms die Franzosen. Das erste Weihnachtsfest der Nachkriegszeit war ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass bald alles besser werden wird.

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