Biblis

Filminsel Matthias Egersdörfer gibt in Biblis sehr überzeugend den Unsympath und sichert sich damit die Sympathien des Publikums

„Lustig bin ich überhaupt nicht“

Archivartikel

Biblis.Am Mittwochabend weilte der Kabarettist Matthias Egersdörfer als Gast in der Bibliser Filminsel. Während die meisten seiner Berufskollegen an der Anzahl der Lacher zu messen sind, ist der 49-jährige Nürnberger inhaltlich nur schwer einzuordnen. „Ein Ding der Unmöglichkeit“ ist der Name seines aktuellen Programms, das er in dem nur halb gefüllten Saal vorstellte.

„Lustig bin ich überhaupt nicht“, warnt er schon zu Beginn. Da teilt er mit seinem Publikum die Fantasie, auf der Bühne stehend, seine große Notdurft in einen weißen Anzug zu verrichten. Dass er infolge schlechten Nachtschlafs nicht gut drauf ist, nimmt man ihm jederzeit ab. Bereitwillig gibt er den Unsympathen. Er bekennt sich dazu, seine meisten Zeitgenossen nicht zu mögen. Dabei bedient er sich gerne auch deftiger Vokabeln. Positive Gefühle hegt er nur für seine Mutter, gutes Essen und Bier. Das „Dreckspack im Bumsloch“, wie er seine Zuschauer in der Filminsel nennt, hat ihn nicht anders erwartet und goutiert die Darbietung mit Gelächter.

Alles scheint ihn zu nerven. Selbst das Schäfchenzählen beim nächtlichen Wachliegen zehrt am Gemüt. „Spätestens bei 140 verzähle ich mich. Dann fang ich immer wieder von vorne an und werde so fuchsteufelswild, dass ich die ganze Nacht nicht schlafen kann“, ärgert sich der Franke.

Er gibt den Mitmenschen aus der Hölle, der selbst Kinder hasst, seine bemitleidenswerte Frau gängelt und in regelmäßigen Abständen zu cholerischen Anfällen neigt. „Da war doch ein Geräusch?“, lauscht er in den Zuschauerraum und ist bereit, seine Aggression an seinen Gästen auszulassen. Eine knisternde Chipstüte, ein Wort zu viel, eine Person, die es wagt aufzustehen.

Egersdörfer will offensichtlich nicht gemocht werden und geht nach Lust und Laune auf jeden los, der ihm gerade gegen den Strich geht. Ein echter Vertrauter scheint sein Therapeut zu sein, dem er zwar alles erzählt, aber auch jedes Können abspricht.

Als er nach der Pause in einem weißen Anzug erscheint, befürchten einige Zuschauer schon Schlimmes, doch zum Glück unterlässt es Egersdörfer, den Dingen freien Lauf zu lassen, sondern präsentiert sich nun etwas ruhiger, ja geradezu nachdenklich. Skurrile Traumsequenzen teilt er mit. Gerüstbauer die ihn beim Mittagsschlaf stören, nimmt er an die Hand, um sich gemeinsam mit ihnen auf das Sofa einer Freundin zu legen. Zusammen möchten sie entschleunigen und so der alltäglichen Selbstüberschätzung entfliehen. „Ich habe mich vollgefressen am Buffet der Blödigkeiten, und das kotze ich ihnen jetzt vor die Füße“, gibt es kurz vor dem Ende eine Art Auflösung. Seinen Antrieb gibt er ebenso preis: „Zorn und Angst.“

Der schlecht gelaunte Grantler nimmt mit Vorliebe Episoden aus dem täglichen Leben auseinander, wittert Abgründe, wo andere nur Alltag sehen. Noch nicht einmal sich selbst scheint er leiden zu können. Nach dem Beifall zu urteilen, haben das aber die Kabarettfreunde in Biblis geschafft, die ihn nach über zwei Stunden mit einem warmen Applaus verabschieden. jkl

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