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Heimatgeschichte Myriameterstein steht seit 150 Jahren in der Nähe des Rheinufers / Günter Mössinger betont große Bedeutung des Denkmals

Orientierungspunkt in der Maulbeeraue

Archivartikel

Nordheim.„Groß und unverrückbar steht einer der letzten Myriametersteine in Rheinufernähe auf der Maulbeeraue bei Stromkilometer 447“, sagt Günter Mössinger (kl. Bild), Vorsitzender des Vereins für Heimatgeschichte Nordheim. Der Stein steht unter Denkmalschutz und ist laut Mössinger ein bemerkenswertes, technikgeschichtliches Zeugnis, der seinen Erhalt der unermüdlichen Pflege durch die Mitarbeiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Mannheim verdanke. Der Stein stammt aus dem Jahr 1868 und steht somit seit 150 Jahren an der Maulbeeraue in Nordheim am Rhein.

„Die rote Farbe an der Spitze belegt, dass dieser – im Unterschied zu seinen teilweise erhaltenen Nachbarn – immer noch als Messpunkt für die Luftbildkartographie dient“, erklärt Mössinger. Er hat sein Wissen vertieft, indem er „Myriameterstein am Rhein“ von Hanspeter Rings gelesen hat. Welche Erkenntnisse Mössinger dabei gewonnen hat, will der Heimatforscher in den demnächst erscheinenden Geschichtsblättern des Vereins näher erläutern.

Einheitliche Vermessung

Vor dem Jahr 1867 gab es keine einheitlichen Orientierungsmerkmale für die Rheinschifffahrt an den Ufern, erklärt Mössinger. Markante Richtwege und die Fährbäume an den Rheinübergängen genügten der teilweise noch betriebenen Treidelschifffahrt und dem Floßverkehr. „Schon 1831 gab es in der Mainzer Akte die Forderung nach freier Rheinschifffahrt ohne Zollschranken und einer einheitlichen Vermessung des Rheins.“ 1839 wurden erste Vermessungen abgeschlossen, die an den jeweiligen Landesgrenzen der einzelnen Kleinstaaten begannen. Als Maßeinheit wurde einheitlich der Meter genutzt. Erst 1868, in der Mannheimer Akte zur Rheinschifffahrt, einigten sich die unabhängigen, souveränen Rheinanliegerstaaten Baden, Frankreich, Bayern, Hessen, Preußen und die Niederlande auf die Durchführung der Mainzer Forderungen von 1839.

„Diese Mannheimer Rheinschifffahrtsakte war ein wichtiger Baustein hin zur Gründung eines Deutschen Reiches“, sagt Mössinger. Nach der einheitlichen Vermessung des Rheins stellte man im Abstand von 10 000 Metern ab 1868 deutlich sichtbare, unverrückbare, einheitliche Sichtmarken auf: die Myriametersteine. Deren Name leitet sich von dem griechischen Myria ab, das für 10 000 steht. Sie bestehen aus Ibbenbürener Standstein und wurden auf beiden Uferseiten aufgestellt. Die etwa 80 Zentimeter hohen und kubusförmigen Steine tragen einen Metallknauf als Messpunkt auf ihrem pyramidenartigen Dach.

„Ursprünglich hatten sie Basel als Ausgangspunkt. Sie waren auf der Wasserseite mit gut sichtbaren römischen Ziffern durchnummeriert. Auf der Landseite war die Entfernung aus Basel und bis nach Rotterdam eingehauen“, sagt Mössinger. Auf den Seiten stromaufwärts war zudem der Abstand von der badischen Grenze und stromabwärts die Entfernung bis zur hessischen, preußischen Grenze vermerkt. „Wahrscheinlich hatten die Schiffführer eine Liste zur Hand, aus der hervorging, welche Steinnummer sich an welchen Orten befand“, meint Mössinger. Wohl mit dem gesteigerten Selbstwertgefühl des wirtschaftlich aufstrebenden Deutschen Reiches wurde 1883 der Nullpunkt der Myriametersteine von Basel nach Konstanz an die deutsch-schweizerische Grenze verlegt. Gegenüber der alten Beschriftung waren es nun 170 Kilometer mehr. „Dementsprechend kam es zur Überarbeitung der Myriametersteine. Die bisherigen Inschriften wurden entfernt, in dem alle Flächen um etwa einen Zentimeter Stärke sorgfältig glatt abgehauen wurden“, erklärt Mössinger.

Unlesbare, geringe Spuren der früheren Beschriftung seien noch auf der Steinseite unter der abblätternden weißen Farbe zu erkennen. Auf der Rheinseite wurde die neue Kilometrierung 447 angebracht und auf der Uferseite die Entfernung „450 km von Konstanz“ eingeschlagen. Zwischen den Myriametersteinen wurden im Abstand von einem Kilometer weitere kleinere Steine gesetzt. „Erst 1939/40 hat das Reichsverkehrsministerium die heute gültigen Kilometertafeln angebracht.“ Dabei wurden die Steine auf der Wasserseite überarbeitet und die Zahl 447 deutlicher eingemeißelt.

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